Let the sunshine in - und den Zufall auch

Diese Vorsatzmacherei zu Neujahr ist reine Zeitverschwendung. Die Sonne wird scheinen. Und das ist gut so.

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Vielleicht sollte ich nicht gleich in den ersten Zeilen für eine andere Lektüre Werbung machen, aber trotzdem: Die deutsche Wochenzeitung "Die Zeit" hat zum Jahresende dem Thema "Zufall" ein fabelhaftes Dossier gewidmet.

Lesen Sie das! Der Zufall ist nämlich eine allgegenwärtige Sache. Immer und überall lauert er.

Er stürzt uns in Verzweiflung, wenn er bei einem Terrorangriff in der Sekunde unschuldige Opfer macht. Aber er lässt in einem einzigen Augenblick auch die Liebe beginnen oder beim Kochen den Salzstreuer aus der Hand in die Suppe fallen, was ja auch wieder als Beweis fürs Verliebtsein herhalten kann.

Philosophisch steht der Zufall in Konkurrenz zum Schicksal und zur Vorbestimmung. Darüber stehen in heiligen Schriften dann Sätze wie: "Darum wachet; denn ihr wisset weder Tag noch Stunde, in welcher des Menschen Sohn kommen wird" - woraus man schlussfolgern könnte (oder gar müsste?), dass Tag und Stunde aber jemand anderem bekannt sind. Aber auf diese Diskussion um höhere Wesen, um eine Macht, die uns leitet, lasse ich mich jetzt am Ende des Jahres ganz sicher nicht mehr ein.

Der Zufall also ist unser Begleiter. Das sieht man schon an dieser letzten Kolumne des Jahres. Hätte ich nämlich früher eine Idee für die Kolumne gehabt, hätte ich nicht noch zwei, drei andere Texte schnell fertigschreiben müssen, wäre ich heute früher aufgestanden und hätte ich dann nicht noch in blöder Eile drei Mails beantworten müssen, die in der Nacht zuvor wegen eines heftigen Müdigkeitsanfalls (weil ich auf dem Heimweg einem alten Freund begegnet bin und wir den Zufall nutzten, um beim Belgier auf ein Bier einzukehren - oder zwei, drei) ungelesen im Posteingang blieben, dann wäre mir der Link entgangen, mit dem eine Bekannte mich auf die Geschichte mit dem Zufall gebracht hatte. Sie wiederum schrieb in ihrer Mail: "Schau, ich hab da zufällig diese Geschichte entdeckt." Üblicherweise habe sie nämlich immer erst am Wochenende Zeit, so etwas zu lesen, aber sie liege seit zwei Tagen grippisch im Bett und hatte eh gerade den neuen Ransmayr-Roman ausgelesen und also Zeit für anderes und kein neues Buch zur Hand. Was nun wieder interessant ist, weil ich nämlich in Vorbereitung auf ein Interview den Morgen (der jetzt gerade mit dem Kolumnenschreiben draufgeht) nutzen wollte, um im neuen Roman von Kurt Palm zu lesen. Das Buch legte ich aber gleich weg und kippte so in diese Zufall-Geschichte, dass ich nicht mehr dazukomme, das lange geplante, ja mir ganz fest vorgenommene Plädoyer gegen die sogenannten guten Vorsätze fürs neue Jahr zu formulieren.

Aufgerufen am 11.12.2017 um 06:21 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/let-the-sunshine-in-und-den-zufall-auch-568018

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