Ein Glück, dass es von diesem Hitler Videos gibt

Über die Schwierigkeit beim Erinnern, weil alle, die erzählen könnten, schon tot sind.

Autorenbild

Lolinger findet neuerdings Geschichte gut. Man kennt das von 14-Jährigen auch anders. Denen ist oft fad. Die finden das alte Zeug uninteressant, hat nichts mit ihnen zu tun, schaut nicht von Insta oder YouTube herunter. Oft müssen sie in Geschichte auch einfach nur noch einmal aufschreiben, was eh in Bücher stünde. Dass Lolinger Geschichte gut findet, liegt am Ersten Weltkrieg und auch an der Lehrerin. Sie zeigte ein Video über den Wahnsinn von Verdun. Das wirkte. Lolinger fragte daheim, wie die in den Schützengräben damals etwas zu essen bekamen und wie sie geschlafen haben. Ich war in dem Alter weniger sozial interessiert. Mich interessierte eher das Giftgas, die Erfindung der Panzer und das Sprengen der Berge in den Dolomiten. Es muss jeder selbst wissen, was ihm den Krieg grauenhaft macht. Ich legte Lolinger "Im Westen nichts Neues" auf den Tisch. Das fängt zwar mit Essen an, dann drang für Lolinger doch zu viel Giftgas und Verwesungsgeruch aus dem Buch. Und jetzt ist es zu spät. Ich habe die Antworten vertrödelt, denn Lolinger ist schon in Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg. Gut, dass es da auch Videos gibt. Ist ja kaum einer mehr da, der direkt davon erzählen kann, so wie einst meine Oma. Die hat immer erzählt, wie es war, als sie im März 1938 zum ersten Mal über die Innbrücke hinüberging nach Deutschland, das gar nicht so hieß, was in ihrer Erzählung aber nicht vorkam. 24 war sie und hatte nie einen Reisepass und plötzlich brauchte sie keinen mehr. Lolinger ist in Geschichte fast schon dort angekommen, wo ihre Uroma über den Inn ging. Dieser Tage sagte sie: "Zum Glück schauen wir heute einen Film mit dem Hitler an." Gut, mit dem Glück ist's wohl wie mit der Faszination am Krieg, da muss jeder seinen eigenen Zugang finden. Lolingers Zugang zu Hitler besteht derzeit aus zwei Dingen: Einerseits ist Filmschauen immer besser als seitenweise schreiben müssen. Andererseits regt sie sich mit großer Hingabe über Sprache auf. "Und bitte, der Hitler und seine Leute hatten eine Sprache, megaarg!", sagt sie. Dieses Mal trödle ich nicht. Wir reden also seit Tagen darüber, wie Sprache Meinung formt und das Denken beeinflusst und Angst macht und Mittel der Auslöschung wird. Wie Worterfindungen die Emotion hochkochen lassen, statt den Geist zu nähren. Wie die Verachtung des Menschlichen Wort geworden ist und unter uns lebt. Da braucht's keine Faschisten und kein Hitler-Video. Da reicht ein Tweet von Trump oder ein Livestream einer Pressekonferenz aus dem Innenministerium. Und Lolinger zitiert den Satz, den sie so hasst, weil sie ihn von mir öfter gehört hat als das Amen in der Kirche: "Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch ein Gartenzwerg."

7 Tage lang kostenlos und unverbindlich.

Ihr 7-Tage-Test ist bereits abgelaufen. Lesen Sie jetzt weitere 30 Tage kostenlos.

Mehr Infos

Sie sind bereits Digitalabonnent?

Aufgerufen am 17.02.2019 um 02:52 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/ein-glueck-dass-es-von-diesem-hitler-videos-gibt-65043079