Wo nichts ist, lässt sich nichts finden

Über die Sprache als Schusswaffe und die Schwierigkeiten, wenn man sich selbst lobt.

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Eigenlob hat es schwer. Das war immer so und muss erst recht in der Gegenwart nicht verwundern, weil wir von einer Industrie schonungsloser Selbstdarstellung regiert sind.
Eigenlob stinkt, sagt man auch und geht noch während man es sagt unter beim Surfen durch sinnleere Galerien aus Selfies völlig unbekannter Menschen. Vor allem aber ist Eigenlob eine gefährliche Sache. Dabei hat Eigenlob, wo es sanft ausgeübt wird, durchaus etwas mit Haltung zu tun, mit dem Bestehen auf einer eigenen Meinung. Das wird aber immer gefährlicher! Längst existieren ja gefühlt für jedes
Adverb und jeden Beistrich, jeden Nebensatz und jedes Rufzeichen Selbsthilfegruppen. Oder besser noch: Notwehrkommandos der Korrektheit und Sturmtruppen der Verdummung. Die formulieren ihre Kritik an der Sprache dann in
einer Art, die nicht einmal mehr so tut, als sei es eine Sprache. "Radweg hä? Nur Scheiße ja, fahr ich drauf und mähe Alle weg", notierte ich einmal einen Kommentar auf einer Radfahrer-Homepage. Dieser Satz (wenn wir ihn freundlich als solchen gelten lassen wollen) siedelt orthografisch, grammatikalisch und thematisch im schwer bedenklichen Bereich. Bedenklich scheint mir jetzt, da ich es hinschreibe, aber auch die Verwendung der Wörter "orthografisch, grammatikalisch und thematisch". Missachte ich durch diese Fremdwörter die Barrierefreiheit? Grenzen diese Begriffe nicht allzu viele Leser aus? Und natürlich auch Leserinnen? Aber man schreibt eh nie für alle und nur mit Glück für viele. Die Welt ist ein Fleckerlteppich aus Zielgruppen oder eine Inselwelt aus Mikrointeressen - aber die Fähren zwischen den Inseln sind untergegangen. Kein Kontakt, nur gegenseitiges Hin- und Hergeschrei, wie bei Diskussionen um den Verkehr. Da geht es um Straßenkampf. Und zuletzt tobt der im Schnee. Man könnte, schlug die Kulturredaktion der SN vor, auch zu Hause bleiben und zum Beispiel lesen. Als Einleitung einer Liste von Lesetipps stand dann: "Lassen Sie die Wege schneebedeckt! Fräsen Sie stattdessen
eine Schneise ins Hirn." Mir gefallen die Sätze. Vor allem der zweite, der ist nämlich mir eingefallen. So was kommt nicht jeden Tag daher. Poesie und Härte. Vielleicht hat da in den Erinnerungsecken meines Hirns die Lektüre Wolf Wondratscheks durchgeschlagen. Von dem heißt ein Buch "Früher begann der Tag mit
einer Schusswunde". Das war lang vor der Zeit, in der die Generation Y(oga) und V(egan) mit Sätzen wie "Jeder Tag beginnt mit einem
Lächeln" der Realität durch den Glauben an Achtsamkeit trotzte.

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