Make Schulschwänzen great again

Fliehers Journal

Alle reden von dieser jungen
Klimaschutzaktivistin Greta.
A great one, zweifelsohne. Aber noch kann man nicht sagen, was herauskommt bei ihrer Schulschwänzerei. Bei mir schaut das anders aus. Es gibt Ergebnisse! Ich schwänzte, um nach Wackersdorf zu fahren. Und bitte, was ist dort heute? Nichts! Sie wurde nicht gebaut, die geplante Atom-Wiederaufbereitungsanlage im Bayerischen. Schulschwänzen hilft also. Greta Thunberg macht es einer neuer Generation vor. Protestierende Schüler sind der Politik ja unheimlich. Was fängt man mit denen an? Das scheint niemand so recht zu wissen. Bei uns war das gar nicht die Frage, weil beim Schulschwänzen keine TV-Teams und keine Fotografenhorde dabei waren wie bei Greta in Brüssel oder Davos. Wir schwänzten lokal im Café Schmid.

Wir spielten im verrauchten Hinterzimmer Billard. Wir teilten mit Mädchen, die wir sonst nie angesprochen hätten, Nusskipferl und Vanilleschnecken. Wir tranken große Braune und manchmal ein kleines Bier. Es lief Ö3, was in den 1980er-Jahren noch nicht bedeutete, sich mit Trivialität und Seichtigkeit gemein zu machen. Vom Rauch der Smart Export waren die Gardinen blickdicht geworden. Man sah von draußen schwer, wer drinnen saß. Das Café Schmid war eine exterritoriale Zone, so wie wir uns das Hawelka in Wien vorstellten, wo der Qualtinger und der Danzer saßen, oder das Café des Flores in Paris, wo Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre philosophierten und bis zuletzt Karl Lagerfeld reinschaute. Dichter- und Denker-Zufluchten waren die Cafés. Unseres auch, aber halt weniger weltgewandt als provinziell-philosophisch. Wir gründeten beim Schulschwänzen sogar einen Literaturverein. So was war schon damals unnötig, wenn man wirklich die Welt retten wollte.

Wenn ich jetzt Greta sehe,
ist leicht zu sehen, dass Schulschwänzen nicht mehr ist, was wir dafür gehalten haben. Mein Widerstandsgeist war die Bequemlichkeit, mein Antrieb die Antriebslosigkeit. Ich blieb der Schule im Sinn von Bruce Springsteen fern. "We learned more from a three-minute record, baby/Than we ever learned in school", sang er für uns. Aber das gesellschaftliche Feuerwerk des Rock ist auch nur mehr ein mattes Licht im Rückspiegel der Geschichte: Wackersdorf wurde übrigens wegen eines Megakonzerts, das blöderweise in den Sommerferien stattgefunden hatte, auch so eine Art bayerisches Woodstock.

"Wir können nicht mehr warten, bis wir erwachsen sind und das Sagen haben", sagt Greta. Es müsse etwas geschehen, und zwar jetzt. "Wir wissen, dass die meisten Politiker nicht mit uns reden wollen. Gut. Wir wollen auch nicht mit ihnen reden." Das verbindet uns! Im Vergleich zu dem, was Greta für die Welt vorhat, war Wackersdorf eh bloß ein dörfliches Ereignis. Und Kurt Waldheim konnten wir trotz Schulschwänzen erst gar nicht verhindern. Das Klima ändert sich. Auch beim Schulschwänzen. Früher war das viel leere Zeit. Wegen Greta ist es ein Auftrag. Schwänzt also Schule! Ich kaufe euch Vanilleschnecken und Kaffee und ich schreibe euch die Entschuldigungen. Ich habe etwas nachzuholen.

Aufgerufen am 24.10.2020 um 05:46 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/make-schulschwaenzen-great-again-66168190

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