Morgens gilt das Menschenrecht auf Chillen

Ferien sind ganz etwas Superiges. Jedenfalls, wenn man sie hat. Wenn nicht, können die Ferien auch recht unchillig werden.

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Weil wir dieser Tage früh allein sind, weil es regnet und weil es endlich sein muss, mache ich mich an liegen gebliebene Wichtigkeiten, sprich Abarbeiten am Unerwünschten zwischen Zettelwirtschaft und Geschirrspüler. Emm ist schon arbeiten. Sie geht früh. Erstens, weil sie grundsätzlich viel zu tun hat. Zweitens weil sie erst recht viel tun hat, weil eine Reise ansteht. Und drittens kommt man daheim ja zu nichts in den Ferien, sagt sie. Erst recht nicht zur Ruhe. "Immer ist was", sagt sie. Außer Ruhe. Die ist nie. Ruhe verkommt schon als Wort zum Altmodischen. Sagt ja keiner mehr. "Ruhe" wird ersetzt durch "Chillen". Das klingt chicer und wichtiger. Ruhe und Rasten ist für alte Leute. Außerdem inkludieren Ruhe oder Rasten im Gegensatz zum Chillen nicht die Erledigung dauernd unverschiebbarer Ereignisse wie Computerspielen, Whatsappen, Downloaden, Update oder ganz grundsätzlich mit dem Handy zur Einheit zu werden. Und jetzt, es ist knapp nach sieben Uhr früh und ich fange gerade an mit der Abarbeitung, bekomme ich den Beweis, dass ich offensichtlich verpasst habe, dass ein Grundrecht auf Chillen eingeführt wurde. Bin also mit Lolinger daheim und denke: Die wird eh noch ein bisserl schlafen. Ich ordne Zettel, sortiere Zahlscheine, trenne Wäsche. Ich schau im Bad, ob der Gymnastikanzug des Kindes ihren Mitakrobaten im Zirkustraining geruchstechnisch noch einen weiteren Tag zumutbar ist. Nebenbei erlaube ich mir, sogar mit Hinsetzen, morgens Olympia zu schauen, weil ich nachts zu müde dazu bin. Das ist - so lese ich im Gesicht der nun doch Früherwachten - offenbar eine Missachtung der Servicerichtlinien in unserem Haushalt. "Und Frühstück?", sagt sie. "Du hast geschlafen, als wir frühstückten. Müsli und Milch stehen noch auf dem Tisch." Außerdem tue der Knöchel weh, sagt sie. "Guten Morgen", sage ich und klebe Tapes auf angeblich schwer angeschlagene Kinderknochen (vom Zirkustraining). "Wir haben kein Brot mehr daheim", sagt sie. "Geh halt schnell zum Bäcker", sage ich. "Mit diesem Knöchel? Und es regnet ja." - "Es regnet auch, wenn ich hinausgehe." - "Stimmt", sagt sie und geht wieder in ihr Zimmer: "Ich chill mal." Sie hat vorher zehn Stunden geschlafen. "Gibt's Joghurt?", ruft sie zwei Minuten später durch die geschlossene Tür. "Schau nach", sage ich. "Wann fahren wir eigentlich auf Ferien", sagt sie. "Was?", sage ich. "Na ja, Ferien halt, wegfahren, reisen", sagt sie. "Aber du hast doch seit fünf Wochen Ferien", sage ich. "Schon", sagt sie, "aber daheim kann man einfach nicht richtig chillen." - "Stimmt", sage ich. Daheim ist immer was. Aber du chillst doch den ganzen Tag, denke ich, und sage es wegen eines möglichen Verstoßes gegen irgendein Kinderrecht doch nicht. Stattdessen fällt mir ein Songtext der fabelhaften Fiva ein: "Ich muss erst mal chillen, bis ich weiß, wer ich so bin", singt sie. Wahrscheinlich fällt mir so was ein, weil ich auf das elterliche Recht auf verzweifelten Optimismus bestehe.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 07:48 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/morgens-gilt-das-menschenrecht-auf-chillen-1161805

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