Sicher ist alles relativ

Wo Sicherheit zur Regel erklärt wird, sollte man vorsichtig auf sich achten.

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Wer sagt, dass es Sicherheit gibt, lügt sich um die Erkenntnis herum, dass das Leben eine Abfolge von Unsicherheiten ist. Aber das Brüllen nach Sicherheit liegt halt im Trend. Ihre angebliche Abwesenheit erweist sich als idealer Sumpf für das Gedeihen und fürchterliche Großwerden von Populisten. Deren Stumpfsinn aber muss getrotzt werden. Vielleicht gehe ich deshalb gern nachts in fremden Städten durch Bahnhofsviertel. Dort soll es ja besonders unsicher sein, sagen die am lautesten, die solche Gegenden nur vom Hörensagen kennen. Mir ist noch nie etwas passiert. Dafür aber ängstige ich mich immer in Zonen, in denen die Sicherheit quasi per Informationstafel garantiert wird. Dort hingegen geben andere ihr diffuses Angstgefühl locker an Sicherheitsschleusen ab. Zum Beispiel am Flugplatz. Dort bewegt man sich in einer Zone, in der uns Sicherheit als standardisierte Einheit begegnet. Da hängen Schilder, auf denen genau steht, was man nicht darf und erst recht, was man nicht mitnehmen darf.

Ich bin absolut damit einverstanden, dass Sprengstoff oder Waffen an Bord eines Flugzeuges zu nichts Gutem taugen. Auch mit Messer oder Schraubenzieher lässt sich Unheil anrichten - also sollen sie auf dem Boden bleiben. Nun habe ich kürzlich blöderweise vergessen, mein Werkzeugset, mit integriertem Messer und Schraubenzieher, aus dem Handgepäck zu geben. Beim Security Check in München fällt das auf. Was ich damit vorhabe, fragt der Herr. Sonst das Rad reparieren, aber jetzt nichts, weil ich bloß vergessen habe, es rauszunehmen, sage ich. Na dann, sagt der Herr, schiebt die Tasche weiter und winkt mich durch. Freundlich, denke ich. Ich war froh, dass ich das Set wiederhatte, ich hatte es schon ein, zwei Wochen lang gesucht. Nun war aber blöd, dass ich ein paar Tage später wieder heim musste - dieses Mal über Wien, wo auf den gleichen Sicherheitshinweisberuhigungsschildern das Gleiche steht wie in München. Wieder taucht das Werkzeug auf. Aber dieses Mal muss ich es abgeben. "Internationale Sicherheitsbestimmungen", sagt der Zuständige. Ich verhandle. Ich erwähne München. "Was die in München tun, ist deren Sache", sagt der Mann. Sicherheit erweist sich also dort als relativ, wo sie von Vorschriften, aber nicht von der eigenen Achtsamkeit reguliert werden soll. Sicher ist: Wer verlernt hat, mit dem Unerklärlichen also der Unsicherheit zu leben, sollte nie ein Radwerkzeug mithaben, wenn er fliegt.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 06:58 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/sicher-ist-alles-relativ-1185232

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