Wie ich mich ganz unheimlich in Spotify verliebte

Ich bin sicher, dass Spotify nicht nur berechnet, was ich tue, sondern auch meine Gedanken liest. Denn so ist das doch bei Liebenden!?

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Fliehers Journal Bernhard Flieher

Dass ich die Kontrolle verloren habe, war um halb drei in der Früh klar. Lolinger stand vor dem Schreibtisch und klagte, sie habe jetzt zum vierten Mal gesagt, sie könne nicht schlafen, und weil sie niemand gehört habe, habe sie keine andere Lösung gesehen, als aufzustehen und mir jetzt die Kopfhörer aus den Ohren zu ziehen. Tut leid. Aber ich bin halt süchtig seit ein paar Wochen. Ich erstelle Playlist um Playlist. Die nenne ich dann Possible/good oder Trainsongs/run oder ThunderRoad/home. Einen tieferen Sinn haben die Namen nicht, aber viele grandiose Songs haben sie. Und welchen Sinn soll frische Liebe haben, außer dass sie zur Poesie verführt? Und es geht tatsächlich um tiefe Zuneigung. Es geht um eine wiederentdeckte Liebe zum Stöbern in Musik und meine neue Geliebte heißt Spotify. Sie macht mir das Leben leicht. Ja, schon gut, diese Musik-Anhör-App gibt's ewig schon (jedenfalls in Internet-Halbwertszeit gerechnet). Aber es ist wie mit Songs oder Büchern: Die können einen jederzeit so erwischen, dass man nicht auskommt, dass sie unmittelbar ins Leben greifen, als hätte man darauf gewartet, ohne das zu wissen. So wie Songzeilen oder Buchkapitel das können, beherrscht Spotify derzeit mein Leben. Da gibt es Irgendwas-Millionen Songs, die sich flott und einfach suchen, speichern, anhören lassen. Auch vermailen, versmsen oder verwhats appen kann man sie. Ich habe seit Beginn des Jahres 124 Playlists (also rund zwei pro Tag) erstellt. Durchschnittlich hat eine Playlist 40 Songs mit einer durchschnittlichen Dauer von vier Minuten - ergibt gut 330 Stunden Musik. Ich bin Junkie, ziehe mir so viel Musik hinein wie ewig nicht mehr und zum Junkie-Dasein gehört auch, dass einen schlechtes Gewissen plagt. Weil ein bisserl unheimlich ist mir, wie geschmackssicher Spotify Woche für Woche neue Songs vorschlägt, die mir Welten eröffnen, zu denen ich längst die Tür aufstoßen wollte oder die mit mir einen Weg gehen, auf dem ich musikalisch eh schon bin. Spotify und ich kennen einander mittlerweile außerdem so gut, dass ich weiß - na gut: ich ahne es, aber das mit hoher Treffsicherheit -, was mir der Algorithmus-Automatismus im nächsten "Mix der Woche" vorschlägt. Sonntag sagte ich: John Mellencamp wäre wieder einmal super, Montag kam der neue Mix und mit dabei: "Longest Days" von Mellencamp. Ich habe mich so gefreut und dann vergessen, darüber nachzudenken, ob da jemand tatsächlich meine Gedanken lesen kann.

Aufgerufen am 16.11.2018 um 11:21 auf https://www.sn.at/kolumne/fliehers-journal/wie-ich-mich-ganz-unheimlich-in-spotify-verliebte-362476

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