Das Aussehen von Frauen ist wirklich bedrohlich

Der Rock zu kurz, der Badeanzug zu verhüllend. Politische Debatten über Äußerlichkeiten treffen immer nur Frauen.

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Frauensache Karin Zauner

Die schwierige Debatte darüber, ob Ganzkörper-Badeanzüge muslimischer Frauen, sogenannte Burkinis, in Frankreich verboten werden oder nicht, wirft eine zentrale Frage auf: Warum wird immer darüber öffentlich gestritten, polemisiert, diskutiert und politisiert, wie Frauen ausschauen, wie sie sich kleiden? Haben wir die gleiche Debatte etwa über Rauschebärte, wie sie auch IS-Kämpfer tragen, über Männer, die in der Freizeit in martialischen Militärklamotten herumrennen, oder über jene, die mit Kapuzen-Shirts und dunklen Sonnenbrillen ihr gesamtes Gesicht verhüllen?

Nach den massenhaften Übergriffen auf Frauen in der Silvesternacht in Köln meinten Politiker, Frauen mögen sich doch bitte defensiv kleiden und verhalten, um nicht zu provozieren. Die gleiche Art Politiker schreit wenig später danach, Frauen sollen sich am Strand gefälligst ausziehen. Als Irmgard Griss für das Amt der Bundespräsidentin kandidierte, wurde ernsthaft öffentlich ihre Haarfarbe diskutiert und kritisiert, bei der neuen britischen Premierministerin Theresa May waren vor allem die Schuhe im Blickpunkt.

Als Argumente für diese Debatten über Äußerlichkeiten werden wahlweise die Trennung von Staat und Religion, der Kampf gegen Terrorismus und für Frauenrechte oder im Fall von Topkarrieren von Frauen ein angebliches Konsumentenbedürfnis angeführt.

Wer die entwürdigenden Videos und Fotos von französischen Stränden gesehen hat, wo Polizisten muslimische Frauen in Ganzkörper-Badeanzügen zum Ausziehen oder Verlassen des Strandes gezwungen haben, muss schon ein großer Zyniker sein, um dies unter dem Titel Kampf für Frauenrechte zu verkaufen. Diese Frauen wurden zum zweiten Mal Opfer. Erst schwammen sie sich mühsam dank Ganzkörper-Badeanzug aus ihren konservativen religiösen Regeln und von ihren Männern frei, um dann vom Staat wieder aus dem öffentlichen Sichtfeld ins Haus geschickt zu werden.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Die Vorstellung, dass Frauen auf Geheiß ihrer Männer im Namen eines Gottes etwas tragen müssen, das sie in ihrer Freiheit einschränkt, bereitet mir großes Unbehagen und erfüllt mich mit Sorge. Daher müssen aufgeklärte Gesellschaften und ihre Politiker viel mehr tun, um diesen Frauen zu helfen. Doch das ist gar nicht ihr Interesse. Der öffentliche Streit oder die Diskussion um Kleidung und Aussehen von Frauen, muslimischen und/oder erfolgreichen, ist Ablenkung von wichtigen Themen und Problemen, vom eigenen Versagen beim Wesentlichen, etwa der Integration, und es ist eine unerträgliche Machtdemonstration gegenüber Frauen. Es sind nicht die Frauen, die Angst, Terror und Schrecken verbreiten.

Aufgerufen am 15.11.2018 um 02:58 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/das-aussehen-von-frauen-ist-wirklich-bedrohlich-1096081

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