Der Zwölf-Stunden-Tag ist mitnichten frauenfreundlich

Vier Tage die Woche, zwölf Stunden am Tag zu arbeiten hilft Beruf und Familie zu vereinbaren. Eine kühne Behauptung.

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Frauensache Karin Zauner

Die Regierung hat sich auf die Möglichkeit eines Zwölf-Stunden-Arbeitstags geeinigt. Bah!, sagen Frauen. Zwölf Stunden pro Tag arbeiten, wo soll da das Problem sein? Das ist unser Alltag. Ach so! Es geht hier nur um bezahlte Arbeit und nicht um jene zwei Drittel der unbezahlten Arbeit für Kinder und Pflegebedürftige, die in Österreich Frauen erledigen.

Die Regierung begründet ihre geplante Gesetzesänderung für den Zwölf-Stunden-Arbeitstag unter anderem so: "Durch den erweiterten Rahmen, der durch diese Änderung geschaffen wird, wird auch der besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch Schaffung familienfreundlicher Modelle, wie zum Beispiel einer 4-Tage-Woche, Rechnung getragen." Das ist wunderbar, weil Frauen dann vier Tage je zwölf Stunden arbeiten können, um sich dann drei Tage lang um die Kleinen zu kümmern. Oje! Wer schaut an den vier Tagen auf die Kinder? Was, wenn die Achtjährige am Dienstag ein dringendes Problem hat? Soll sie sich bis Freitag gedulden, haben ja noch Zeit die Kinder. Die Kinderbetreuungseinrichtungen sind jedenfalls schon heute in geringem Ausmaß für derzeit übliche 40- bis 50-Stunden-Arbeitswochen der Eltern ausgerüstet. Wie soll das mit 60 Stunden werden? Von einer Ausweitung der Kinderbetreuung, die im gleichen Atemzug wie das Ho-ruck-Gesetz zum Zwölf-Stunden-Tag aufgestellt gehörte, ist nichts zu hören.

Frau müsse ja nicht zwölf Stunden arbeiten, sagt die Regierung. Sie könne doch aus "überwiegendem persönlichen Interesse", etwa wegen Kinderbetreuung, diese Mehrarbeit ablehnen. Blöd nur, dass die meisten Arbeitsverträge die Verpflichtung zur Leistung von Überstunden im gesetzlichen Rahmen enthalten. Verweigert man die Zwölf-Stunden-Tage, droht dann die Entlassung? Entscheiden dann Arbeitsgerichte? Gut möglich. Aber es wird etwas viel Schwerwiegenderes geschehen. Da Kinder- und Altenbetreuung großteils den Frauen umgehängt wird, wird das Tauziehen ums lange Arbeiten im Unternehmen zum Eiertanz unter den Mitarbeitern und für ihre Chefs. Wer muss, wer darf länger arbeiten, und wer nach Hause? Die zweite Möglichkeit: Frauen bekommen noch weniger Vollzeitjobs als bisher, weil sie potenziell die Zwölf-Stunden-Tage wegen der Kinder nicht schaffen. Schon derzeit arbeitet jede zweite Frau in Österreich Teilzeit, aber nur 11,9 Prozent der Männer. Das bedeutet ein hohes Altersarmutsrisiko für Frauen. Das Modell der Zukunft könnte dann wie folgt ausschauen: Der Mann arbeitet vier Tage zwölf Stunden lang, die Frau Freitag und Samstag je zwölf. Was für ein Familienleben, was wird das für eine Gesellschaft? Frauen beweisen jeden Tag, wenn jemand flexibel arbeiten kann, dann sind sie es. Dass die Regierung nun den Zwölf-Stunden-Arbeitstag, ohne begleitende Maßnahmen zu installieren, als frauenfreundliche Maßnahme propagiert, ist dreist.

Aufgerufen am 23.10.2018 um 09:47 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/der-zwoelf-stunden-tag-ist-mitnichten-frauenfreundlich-29277052

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