Meine Generation hat ganz andere Werte

Sind Gleichheit, Gerechtigkeit, Klimakrise und Arbeitswandel eine Frage der Generationen? Nein. Dennoch wird ein Konflikt herbeigeredet.

Autorenbild
Frauensache Karin Zauner

Drei Begegnungen, wie sie heute an x-beliebigen Arbeitsplätzen täglich stattfinden.

Die erste: "Meine Generation will mehr Zeit mit den Kindern verbringen." - Gesagt und heimgegangen. (Frau, Mitte 30)

Die zweite: "Meiner Generation ist es wichtig, nicht irgendetwas zu essen, sondern zu gewissen Zeiten Gutes." - Gesagt und mitten im Arbeitsgespräch gegangen. (Frau, Ende 20)

Die dritte: "Meine Generation will nicht mehr so viel Zeit für den Job aufwenden und jedenfalls Sinnstiftendes arbeiten." (Bewerberin, Anfang 30)

Kinder und Job besser vereinen zu können ist nichts Neues und keine Frage einer jungen Generation. Auch mitteljunge und ältere Menschen würden lieber regelmäßig und Gutes essen, als gestresst zwischendurch ein Weckerl zu verdrücken. Und in seiner Arbeit Sinn zu finden war auch für frühere Generationen erstrebenswert, genauso wie eine vernünftige Balance zwischen Erwerbsarbeit und den anderen Pflichten und Freuden des Lebens.

Warum pochen manche aber darauf, ihr Tun mit dem Hinweis "in meiner Generation" zu garnieren? Warum kommen nachvollziehbare und heute selbstverständliche Anliegen wie Vereinbarkeit und bewusster Umgang mit dem eigenen Körper wie eine Anklage an andere Generationen daher?

Man könnte den Eindruck gewinnen, die großen Themen unserer Zeit - Klimakrise, Gleichheit, Gerechtigkeit und Wandel der Arbeit - spielen sich entlang der Linie Jung gegen Alt ab. Doch das stimmt nicht. Die Generation "Boomer" ist nicht verschwenderisch und die Generation "Z" nicht schwach. Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass Generationenunterschiede tatsächlich existieren. Real ist aber der Generationenmythos. Der ist deshalb so beliebt, weil sich damit andere Altersgruppen wunderbar abwerten lassen. Dabei gibt es innerhalb sozialer Gruppen viel mehr Unterschiede, als wenn nur unterschiedliche Generationen betrachtet werden.

Für Heranwachsende taugt die Kritik an anderen Generationen zur Abgrenzung. Aber wenn Frauen Mitte 30 die Generation ihrer Mütter verurteilen, sie hätten zu wenig auf Vereinbarkeit von Beruf und Familie geschaut, dann wäre es schön, wenn diese jungen Frauen sehen würden, dass ihre Mütter Kämpferinnen dafür waren, dass Töchter und Enkelinnen heute besser Job und Kinder auf die Reihe bekommen können und dass dieser Kampf in Betrieben und Politik ein harter war und ist. Auch sollten jene, die mit kritischem Blick auf die Älteren heute flexibler, freier und selbstständiger arbeiten können, sehen, dass dies nur im Zusammenspiel mit den anderen Generationen gut funktionieren kann.

Aufgerufen am 20.05.2022 um 06:37 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/meine-generation-hat-ganz-andere-werte-120299017

Kommentare

Schlagzeilen