Sechs Morde und was vorher alles nicht geschah

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Frauensache Karin Zauner

Sechs Frauen wurden seit Jahresbeginn in Österreich brutal aus dem Leben gerissen. Sechs Frauen zu viel. Sie wurden von einem Österreicher mit türkischen Wurzeln, einem Österreicher, einem Syrer, einem Spanier mit afrikanischen Wurzeln und einem Mazedonier getötet. Bei der jüngsten Tat in Niederösterreich ist der Täter noch nicht bekannt. Für ÖVP- und FPÖ-Politiker ist das Grund genug, zu sagen, hinter Gewaltdelikten gegen Frauen steckten patriarchale Strukturen, und die seien importiert. Das Problem bei Gewalt gegen Frauen sei der Fremde.

All jene Expertinnen und Experten, die seit Jahrzehnten mit Gewaltopfern arbeiten und kontern, dies stimme nicht, werden als Fremdenkulturbeklatscher diffamiert. Es folgt der Stehsatz, man werde ja wohl noch darüber reden dürfen, wenn Ausländer Täter seien. Das muss man sogar. Aber dies darf nicht zum Totschlagargument werden,
mit dem jene mundtot gemacht werden sollen, die sehr wohl sagen, ja, wir haben bei zugewanderten Männern ein Gewaltproblem, aber eben auch ein gewaltiges bei österreichischen. Um beide Bereiche müsste sich die Politik schon lange besser kümmern.

Doch das Thema Gewalt gegen Frauen hat seit 2015 die österreichische Politik exakt zwei Mal groß auf den Plan gerufen. Nach Gewaltexzessen von Migranten bei der Silvesterfeier 2015 in Köln. Und jetzt, da vier von fünf Frauen von Männern ausländischer Herkunft getötet wurden. Nach Silvester 2015 wie auch dieser Tage hörten wir von österreichischen Politikern: Wir müssen etwas tun. Und was ist zwischen 2016 und 2019 geschehen? Frauenorganisationen wurde das Geld gekürzt oder gestrichen.

Es ist gut, wenn die Regierung in puncto Gewaltprävention Maßnahmen verspricht. Schade, dass es dafür mehrerer toter Frauen bedurft hat. Das Wissen, dass Gewalt an Frauen von Männern ausgeübt wird, weil sie sich dazu berechtigt fühlen und meinen, die gesellschaftliche Erlaubnis dafür zu haben, hat nicht gereicht. Je gleichwertiger Geschlechter in einer Gesellschaft definiert sind, desto weniger Gewalt wird im Mikrokosmos Familie ausgeübt. Für diese Gleichwertigkeit wäre die Politik schon lang zuständig.

Aufgerufen am 25.11.2020 um 12:02 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/sechs-morde-und-was-vorher-alles-nicht-geschah-64677613

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