Ungeschminkt in Jogginghose: Wie viel Echtheit ist erträglich?

Wer will denn so etwas? Nach der Pandemie rennen wir im Schlabberlook ins Büro und zeigen allen unsere Verletzlichkeit.

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Frauensache Karin Zauner

Eine 39-jährige Mitarbeiterin eines US-Tech-Konzerns tauschte ihr Profilbild auf dem beruflichen Online-Netzwerk Linkedin, seither haben rund 700.000 Menschen das Posting mit "Gefällt mir" markiert, mehr als 20.000 Kommentare wurden dazu verfasst. Die Frau hat nur eines getan: Statt ihres professionellen Businessfotos hat sie ein natürlich wirkendes Profilbild gepostet. In dem Text dazu schrieb sie unter anderem: "Ich habe genug über authentische Führung gelesen und miterlebt, um zu wissen, dass es für die Karriere viel nützlicher ist, aufrichtig und verletzlich zu sein, als ein glänzendes Profilbild zu haben." Die Mehrzahl der Reaktionen auf dieses Posting ist positiv und viele sehen darin den Trend zur ungeschminkten Realität verstärkt.

Vorsicht ist angebracht: Die 39-jährige Lauren Griffiths schaut auf ihrem neuen Linkedin-Foto auch ungeschminkt und mit gekonnt zerzaustem Haar besser aus als die meisten dezent zurecht gemachten Frauen. Es ist zu bezweifeln, dass sie dieselbe Reaktion mit einem Pickel auf dem Kinn oder Augenschatten erreicht hätte.

Die Pandemie, Homeoffice und der Rückzug ins Private haben auch Auswirkungen auf unsere Kleiderwahl. Anzüge und Kleider sind öfter den Jogginghosen gewichen. Dieser Tage posierte der frühere Fußballprofi David Beckham gekonnt von seiner Designer-Frau Victoria in Szene gesetzt, mit Tennissocken in Sandalen. Selbst wenn diese Paarung als Überbleibsel-Trend der Pandemie ausgerufen wird, darf daran gezweifelt werden, dass wir künftig im Freizeitlook und ungeschminkt unsere Jobs verrichten werden. Denn Kleidung wirkt nicht nur auf andere, sondern vor allem aufs Ich. Aus der psychologischen Forschung ist seit vielen Jahren bekannt, dass Menschen, die sich entsprechend bestimmter Aufgaben kleiden, ihre Arbeitsleistung verbessern oder verschlechtern können. Eine Jogginghose verleiht weder Mut noch Kreativität - sie ist bequem und verführt zur funktionalen Bequemlichkeit. In gemütlicher Freizeitkleidung verleitet man quasi sein Gehirn zum Abschalten.

Wir bewegen uns im gut sitzenden Kleid anders als in der Schlabberhose, wir haben eine andere Haltung in Schuhen mit Absatz als in Sneakers, wir fühlen uns selbstsicherer im passenden Blazer als im Hoody - das sind eben nicht nur Äußerlichkeiten.

Warum Frau Griffiths dennoch den Nerv getroffen hat? Weil es tatsächlich eine Sehnsucht nach Echtheit gibt, auch daran, dass nicht immer nur das Perfekte an einem gezeigt wird. Aber niemand will im Job ständig mit Kolleginnen und Kollegen mit wirren Haaren, ausgebeulten Hosen und deren Unzulänglichkeiten konfrontiert sein. - Zu viel des Echten.

Aufgerufen am 28.10.2020 um 01:44 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/ungeschminkt-in-jogginghose-wie-viel-echtheit-ist-ertraeglich-93605491

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