Wenn Frauen verstummen, gewinnen die Dummen und Brutalen

Afghanistan - das ist auch der Verrat an den Frauen. Sie sollen stumm gemacht werden. Ein Mechanismus, der übrigens auch im Westen funktioniert.

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Frauensache Karin Zauner

Afghanische Frauen haben derzeit drei Möglichkeiten. Sie können Widerstand leisten oder versuchen zu flüchten. Beide Handlungsoptionen sind für sie lebensgefährlich. Bleibt die Dritte: Sich still verhalten, zu Hause bleiben, nicht auffallen.

20 Jahre nach dem Beginn der Militärintervention in Afghanistan, die derzeit im Chaos und mit Tod und Leid endet, und die auch immer mit dem Kampf für die Freiheit der Frauen argumentiert wurde, spielen die Frauen keine Rolle. Sie wurden in den Verhandlungen zwischen den radikalislamischen Taliban und den USA schlichtweg links liegen gelassen, es ist, als gäbe es sie nicht, als habe niemand bemerkt, dass sie in jüngster Vergangenheit wieder in Burkas gesteckt wurden und sie wieder Ziele für Anschläge geworden waren.

Die Taliban haben dieser Tage einen kleinen Ausblick darauf gegeben, wie sie sich die Zukunft der afghanischen Frauen vorstellen. Ein Taliban-Sprecher rief laut "New York Times" dazu auf, dass arbeitende Frauen aus Sicherheitsgründen zu Hause bleiben sollten. Die Begründung von Taliban-Sprecher Zabihullah Mujahid: Manche Taliban-Mitglieder hätten noch nicht gelernt, den Frauen kein Leid zuzufügen. Und bis diese im Umgang mit Frauen geschult würden, sollten Frauen zu ihrem eigenen Schutz "vorerst" zu Hause bleiben. Man habe Angst, dass Frauen misshandelt werden könnten. Zynischer geht es kaum noch.

Der Sprung in den Westen, in dem Frauen frei lernen, leben, lieben und arbeiten können, fällt angesichts der Tragödie in Afghanistan nicht leicht. Dennoch gibt es keinen Grund, sich restlos überlegen zu fühlen. Denn der Mechanismus des Silencings, des Stummmachens von Frauen, funktioniert auch hier. Wenn Frauen im Netz bösartig attackiert, sexualisiert und/oder lächerlich gemacht werden, hat das zur Folge, dass sie sich zurückziehen. Doch Rückzug in der öffentlichen Debatte, beschädigt die Demokratie.

Selbst ein Viertel der österreichischen Parlamentarierinnen, die sich puncto Schutz privilegiert fühlen könnten, hat laut Befragung des Momentum Instituts und Autorin Ingrid Brodnig bestimmte Äußerungen schon einmal nicht öffentlich getätigt, weil sie ahnte "dass entsprechende Reaktionen/Drohungen kommen".

Passiert nächtens ein Gewaltverbrechen im öffentlichen Raum, folgen die Ratschläge, dass Frauen und Mädchen in der Dunkelheit besser nicht allein unterwegs sein sollten, auf den Fuß. - Freiheit adé!

In Anlehnung an die Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach könnte man umformulieren: "Die Klügere gibt nach! Eine traurige Wahrheit. Sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit und des Terrors!"

Aufgerufen am 16.09.2021 um 08:11 auf https://www.sn.at/kolumne/frauensache/wenn-frauen-verstummen-gewinnen-die-dummen-und-brutalen-108605863

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