Die EU und "die Malaise alternder weißer Männer"

"Mr. Euro" Thomas Wieser ist wahrscheinlich der mächtigste Österreicher in Brüssel, und er ist derzeit nachdenklich.

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Frühstück in Brüssel | Persönlichkeiten der EU Monika Graf

Eine kräftige Erkältung hält einen Mister Euro nicht davon ab, seine Termine zu halten. Thomas Wieser, ehemaliger Sektionschef im Finanzministerium und seit Februar 2012 hauptberuflich der Mann, der im Hintergrund die Arbeit der Eurogruppe dirigiert, absolviert trotzdem ein Finanzministertreffen, eine Podiumsdiskussion zur Europäischen Bankenunion (die er maßgeblich gestaltet hat). Und er ist pünktlich beim vereinbarten morgendlichen Kaffee im La Fontaine. Die Brasserie direkt hinter dem Sitz der EU-Kommission ist um die Zeit leer, abgesehen von einem weiteren frühen Gast, der sein zweites Bier bestellt.

Termine zum Frühstück macht Wieser kaum mehr. "Wenn Sitzungen bis vier in der Früh dauern, ist das zu viel", sagt der 62-jährige, der in nächtelangen Treffen und tausenden Telefonaten die entscheidenden Kompromisse zur Griechenland-Rettung verhandelt hat und als Autor des milliardenschweren Hilfspakets gilt.

Die europäische Öffentlichkeit bemerkt davon wenig. Wenn Experten wie Wieser ihre Arbeit erledigt haben, sind die technischen Probleme und großen Auffassungsunterschiede ausgeräumt, die es bei jeder Entscheidung auf EU-Ebene gibt. Für die Finanzminister bleiben nur die "wirklich politischen Fragen, ausgearbeitet in beantwortbare Optionen" (Wieser).

Bis es so weit ist, vergehen oft Monate, Vorschläge werden zerfetzt. "Zum Schluss bastelt man sich aus dem, was nicht zerfetzt wurde, etwas zusammen", sagt der wahrscheinlich mächtigste Österreicher in den EU-Institutionen, berühmt und geschätzt für sein enormes Wissen und seine feine Ironie. So war es auch bei Griechenland. Aus heutiger Sicht wäre Umschuldung vernünftiger gewesen, überlegt Wieser laut. "Ich mache aber nicht den Fehler, vergangene Dinge mit dem Wissen von heute zu betrachten." Damals sei immerhin das Weltfinanzsystem vor dem Kollaps gestanden.

Zur aktuellen Krise der EU hat er seine eigene Theorie. Es sei eine "Malaise alternder weißer Männer", die in den USA, wo er selbst geboren wurde, noch stärker spürbar sei. "Das männerdominierte, wachstumsorientierte System der vergangenen 300 Jahre ist vorbei", sagt der Ökonom. Die Politik kümmere sich um Kleinkram, statt um ein "kohärentes Narrativ, "a G'schicht, was für ein Land das Beste ist". Er zweifelt auch an der Theorie, die EU wachse an Krisen, nur weil das einige Male funktioniert habe. "Wenn wir Pech haben, wird das Friedensprojekt Europa wieder aktuell."

Brüssel "liebt" Wieser. "Ich habe gedacht, es ist klein, schäbig und verregnet", erinnert er sich. Nach viereinhalb Jahren beschreibt er die Stadt als "unheimlich lebendig, zusammengesetzt aus Kleinstädten, die ihren eigenen, fast dörflichen Charakter haben, ihre Kunstschule und ihre Jazzclubs. Außerdem sei Brüssel "die internationalste Stadt" der Welt. "Wenn ich meine amerikanischen Kollegen ärgern will, sage ich ihnen, dass in Brüssel mehr Journalisten akkreditiert sind als in Washington - und es keinen Donald Trump gibt."

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