Herrgottsbscheißerl und Schwabenkinder

Diese Geschichte zeigt, in welch guter Zeit wir jetzt leben dürfen!

Gerichte mit Geschichte
Die Herrgottsbscheißerl sind schon eine Sünde wert!  SN/roland essl
Die Herrgottsbscheißerl sind schon eine Sünde wert!

Italienische protestantische Glaubensflüchtlinge haben eine Variante der Ravioli im 18. Jahrhundert aus Norditalien ins Schwabenland gebracht. Hier wurden sie Maultaschen genannt. Nicht etwa, weil da Ochsenmaul verarbeitet wurde, sondern vom Ort Maulbronn in Baden-Württemberg, wo dieses Gericht erstmals in der schwäbischen Küche Fuß fasste.

Diese Nudelteigtaschen wurden mit verschiedensten Füllungen bestückt. Einer Legende nach haben Mönche des Klosters Maulbronn in der Fastenzeit aus Hunger ihre Nudelteigtaschen mit geselchtem Fleisch aufgebessert und mit viel schlechtem Gewissen als "Herrgottsbscheißerl" genossen.

Bei uns sind diese als z'saumglegte Knödel bekannt. Sie sind eigentlich der einzige Ausreißer in der Knödelfamilie, denn sogar der Kaspressknödel ist aus dem kugelrunden Semmelteig geformt.

An die pure Not erinnert die Geschichte der sogenannten Schwabenkinder vom 16. bis ins 19. Jahrhundert. Die Bewohner der alpinen Regionen Tirols, Vorarlbergs und der Schweiz waren bettelarm. Ihr Boden gab viel zu wenig her, um die ganze Familie zu ernähren. So wurden die Kinder im Alter von fünf bis 14 Jahren zum "Schwabengehen" gezwungen. Mit schlechten Schuhen und dürftiger Bekleidung ausgestattet, traten diese in Begleitung eines Erwachsenen den beschwerlichen Weg über die noch verschneiten Pässe zu den Kindermärkten in Oberschwaben an, welcher meist um Josephi (19. März) stattfand. Dort wurde der Preis für die Kinder ausgehandelt. Nun mussten sie als Knechte oder Mägde arbeiten, bis sie um Martini, den 11. November, ausgestattet mit neuer Kleidung und Schuhen, wieder nach Hause durften.

Rezept

Z'saumglegte Knödel alias "Herrgottsbscheißerl"
(4 Portionen)
Zutaten
Nudelteig: 100 g glattes Mehl,
ein Ei, ein EL Olivenöl, Salz, Muskatnuss.
Fülle: 40 g Butterschmalz, ½ Stück Zwiebel, 40 g Weizengrieß, 160 g Geselchtes oder Speck und Petersilie.

Zubereitung
Nudelteig: Aus allen Zutaten einen geschmeidigen Nudelteig kneten und zirka eine Stunde rasten lassen.
Fülle: Klein geschnittene Zwiebel in Schmalz anschwitzen (darf auch leicht Farbe bekommen). Das klein geschnittene Geselchte/Speck beigeben und kurz anrösten. Nun reichlich gehackte Petersilie beifügen und mit dem Weizengrieß binden.
Den Nudelteig dünn ausrollen. Quadrate von zirka 8 x 8 cm ausschneiden. Die Teigränder mit Ei bestreichen, mittig zirka einen EL Fleischmasse setzen und mit dem Nudelteig umhüllen.
Die z'saumglegten Knödel in siedende Suppe (Wasser mit Suppenwürfel) vorsichtig einlegen, fünf Minuten kochen, danach noch fünf Minuten ziehen lassen. In der Suppe, mit Schnittlauch bestreut, servieren.

Kontakt:
alpenkulinarik@rolandessl.at

Roland Essl

Aufgerufen am 27.10.2021 um 08:24 auf https://www.sn.at/kolumne/gerichte-mit-geschichte/herrgottsbscheisserl-und-schwabenkinder-69986815

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