Der Hype, der andernorts nur ein Vorspiel ist

Der ORF überträgt in Kitzbühel alles live, was vor eine Kamera kommt. Der Quotenhit könnte die Mannschaftsführersitzung werden.

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Im Skizirkus Michael Smejkal

Mangels eigener Abfahrer haben sich deutsche Medienschaffende in Kitzbühel ohnedies schon auf einen anderen Zweig verlegt: die Ethnologie, die Erforschung fremder Stämme und Kulturen - und da die Lebensweise ihrer Lieblingsnachbarn aus Österreich. Der heurige Hype rund um die Hahnenkammrennen erweist sich wieder als recht ergiebiges Feld. Schon die montägige Europacup-Abfahrt in Kitzbühel hatte 236.000 Zuseher im ORF, was wohl so nur in Österreich denkbar ist. Beflügelt von dem Erfolg, der wohl auch die Macher am Küniglberg überrascht hat, wird nun in Kitzbühel alles übertragen, was vor die Kamera kommt: Aufwärmen, Training, Rennen, Schampustrinken und auch die tägliche Mannschaftsführersitzung (täglich um 17 Uhr). Leider wird dieses Format nur im Spartenkanal ORF Sport plus gezeigt. Schade, weil dies einen hohen Bildungsauftrag darstellt, denn hier wird zugleich auf Tirolerisch, Englisch, Schwizerdütsch, Französisch und in bislang unentdeckten alpinen Sprachresten diskutiert. Andererseits: Eine ständige Übertragung würde die Hälfte aller heimischen Kabarettisten arbeitslos machen.

Egal, für unsere deutschen Kollegen ist Kitzbühel eh nur ein Vorspiel, das Hauptprogramm steigt ums Eck in drei Wochen: die Biathlon-WM in Hochfilzen. Für die waren bis zu Wochenbeginn mehr Karten verkauft(110.000), als jetzt Fans nach Kitzbühel kommen (90.000). Auch wenn heimische Sportfans über die "patscherten" Biathleten lachen, die ihre WM zeitgleich mit den Alpinen durchführen - das entsprach durchaus auch einem Wunsch der Alpinen. Durch das Doppel will man im wichtigen TV-Markt Deutschland höhere Einschaltquoten erzielen. Der Mann, der alles unter ein Dach bringen muss, heißt Andreas Eichwalder. Der Kärntner ist TV-Koordinator der EBU und muss alle Übertragungszeiten von Alpin bis Skispringen im Winter abstimmen. "An den Übertragungszeiten und Verschiebeszenarien für Biathlon-WM und Ski-WM habe ich eineinhalb Jahre gearbeitet", sagte er.

Noch schwieriger hat es nur einer: ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel ist in einem echten Zwiespalt. Zum einen ist er via ÖSV der Veranstalter und Chef der Biathlon-WM, zum anderen schlägt sein Herz für seine Alpinen bei der parallel laufenden WM in St. Moritz. Was ist die Lösung? Die ist so, wie es sich für einen Präsidenten gehört. Schröcksnadel wird mit
eigenem Helikopter zwischen Hochfilzen und St. Moritz hin- und herpendeln. In Hochfilzen Geld zählen, in St. Moritz die Medaillen zählen - das könnte ein Februar ganz nach seinem Geschmack werden.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 10:32 auf https://www.sn.at/kolumne/im-skizirkus/der-hype-der-andernorts-nur-ein-vorspiel-ist-511606

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