Jenseits der Filterblase

Meinungsmacher zwischen Wunschdenken und Wahrsagerei: Warum sich das Volk immer weniger an Prophezeiungen der selbst ernannten Propheten hält.

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Kollers Klartext Andreas Koller
Jenseits der Filterblase SN/APA/AFP/SAUL LOEB
Medienrummel vor dem Weißen Haus in Washington: Die professionellen Beobachter blicken oft haarscharf an der Realität vorbei.

Übrigens: Würde in den USA nach dem österreichischen Wahlrecht gewählt, wäre heute nicht Donald Trump der gewählte Präsident, sondern Hillary Clinton. Denn die unterlegene demokratische Kandidatin hat quer durchs Land deutlich mehr Stimmen erhalten als ihr republikanischer Gegenkandidat, dem nur ein eher antiquiertes Wahlrecht ins Weiße Haus verholfen hat.

Interessanterweise leiten viele europäische Intellektuelle und Journalisten aus diesem Zufalls-Wahlergebnis weitreichende Schlüsse ab: Den Eliten laufe das Volk davon, der Zorn der weißen unteren Mittelschicht habe sich Bahn gebrochen, die Amerikaner seien einem gefährlichen Populisten auf den Leim gegangen. All das und viel mehr kann man hören und lesen.

Und jetzt stellen wir uns einen Augenblick lang vor, Hillary Clintons Stimmenmehrheit hätte sich ein wenig günstiger für sie über die einzelnen Bundesstaaten verteilt, sodass sie auch die Mehrheit der Wahlmännerstimmen und damit die Präsidentenwahl gewonnen hätte: Würden dann dieselben Intellektuellen und Journalisten das Wahlvolk für seine weise Entscheidung rühmen? Würden sie dann schreiben, dass der Zorn der weißen Unter-Mittelschicht zu wenig ist, um eine Wahl zu gewinnen? Und dass die Amerikaner klug genug waren, einem gefährlichen Populisten zu widerstehen? Sehr wahrscheinlich, dass wir - wären einige Tausend Stimmen anders gewichtet worden - dann all das und noch viel mehr hätten hören und lesen können. Denn nur wenig ist für Meinungsmacher verlockender, als aus einem Zufalls-Wahlergebnis weitreichende und leider oft falsche Schlüsse zu ziehen.

Das wird wohl auch der Grund sein, warum die öffentlichen Meinungsmacher zwar keinerlei Schwierigkeiten haben, ihre eigene Meinung eloquent in Szene zu setzen, dass sie sich aber zunehmend schwertun, die Meinung des von ihnen vorgeblich durch- und durchanalysierten Wahlvolkes realistisch einzuschätzen. Egal ob es um die Meinung der Briten zum Brexit geht oder um das Wahlverhalten der His panics in Florida - die Erforscher der Volkesmeinung lagen regelmäßig falsch. Dieses Phänomen ist auch Österreich nicht fremd. Vor dem ersten Durchgang der Präsidentschaftswahl - also jenem Wahlgang, bei dem noch sechs Kandidaten um das höchste Staatsamt ritterten - wurde allgemein ein Kopf-an-Kopf-Rennen der Kandidaten Hofer und Van der Bellen vorausgesagt, mit leichten Vorteilen für Van der Bellen. Geworden ist es ein rauschender Wahlerfolg des blauen (35,1 Prozent) über den grün-unterstützten (21,3 Prozent) Kandidaten. Die gegenteiligen Prognosen waren wohl hauptsächlich vom Wunschdenken jener geprägt, die sie erstellt haben.

So auch in den USA. Jene Meinungsführer, die vor der Wahl an Eides statt versichert haben, dass ein Mann wie Donald Trump niemals Präsident der Vereinigten Staaten werden könne, treiben sich hauptsächlich in D. C. herum, dem District of Columbia, der im Wesentlichen aus der Bundeshauptstadt Washington besteht. In D. C., der freilich nur drei Wahlmänner stellt, kam Hillary Clinton auf überwältigende 92,8 Prozent der Stimmen, Donald Trump nur auf 4,1 Prozent. Die Meinungsforscher, Polit analysten und Kommentatoren, die die Washingtoner Filterblase bevölkern, bestätigen und bekräftigen einander also dort in ihrer eigenen Meinung und verwechselten ihre Filterblase mit dem ganzen Land. Ähnlichkeiten mit der Wiener Twitteria, bei der Alexander Van der Bellen eine geschätzte Anhängerschaft von 80 Prozent hat, liegen auf der Hand.

Im Übrigen wäre es kein schlechter Ratschlag, trotz des überraschenden Ausgangs der US-Wahl die Kirche im Dorf zu lassen. Gewiss, es ist nicht ganz unwesentlich, wer die USA regiert. Es ist aber auch nicht ganz unwesentlich, wer China regiert, und dennoch hat in diesem Land ein Präsidentenwechsel nicht einmal einen winzigen Bruchteil jener Resonanz, mit der in den vergangenen Wochen jede Lebensäußerung der Kandidaten Trump und Clinton betrommelt wurde.

Und noch etwas: Es besteht kein Grund, wie ein beliebtes öffentlich-rechtliches Medienunternehmen angesichts des US-Wahlergebnisses von einem "worst case" zu hyperventilieren. It's democracy, stupid! Donald Trump ist nach jahrhundertealten demokratischen Regeln
zum Präsidenten gewählt worden.

Demokratien haben den unbestreitbaren Vorteil, dass schlechte Politiker abgewählt werden können. Wenn Donald Trump versagt, wird er in vier Jahren Geschichte sein.

Aufgerufen am 17.11.2018 um 02:59 auf https://www.sn.at/kolumne/kollers-klartext/jenseits-der-filterblase-888988

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