Kein Oscar für die Frauenrollen

Wenn SPÖ und ÖVP die Frauenquote für so wichtig halten, wie sie behaupten: Warum fangen sie dann nicht bei sich selbst damit an?

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Kollers Klartext Andreas Koller

SPÖ und ÖVP haben sich also auf eine "verpflichtende Frauenquote in Aufsichtsräten" von börsenotierten Unternehmen verständigt. Was drei Fragen aufwirft.

Erstens: Warum findet sich die Frauenquote nicht, wie man annehmen sollte, unter Punkt 5 des Arbeitsprogramms, "Staat und Gesellschaft modernisieren", sondern ausgerechnet unter Punkt 4, "Sicherheit und Integration"? - Wahrscheinliche Antwort: Hier ist ein Versehen bei der Abfassung des Regierungspakts passiert, und man kann nur hoffen, dass es sich um keine Freud'sche Fehlleistung handelt.

Zweitens: Die Regierung besteht zu einem großen Teil aus Politikern, die nie dem Wind der Privatwirtschaft ausgesetzt waren; die nie ein Unternehmen führten und nie wirtschaftliches Risiko trugen. Ist es tatsächlich vertretbar, dass ausgerechnet solche Leute nun den Unternehmern, die auf eigenes Risiko und auf eigene Kosten wirtschaften, vorschreiben wollen, wem sie ihr Eigentum anvertrauen? Jeder Wirtschaftstreibende sollte doch nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht haben, die seiner Ansicht nach bestqualifizierten Menschen in seinen Aufsichtsrat zu entsenden. Das Kriterium Mann oder Frau sollte ebenso wenig eine Rolle spielen wie die Kriterien alt oder jung, dick oder dünn, schwul oder hetero, Migrant oder Nichtmigrant.

Dritte und wichtigste Frage: Wenn die Politik eine Frauenquote für so wichtig hält - warum fängt sie nicht bei sich selbst damit an? Zwar fehlt es nicht an einschlägigen Lippenbekenntnissen und Sonntagsreden, doch bei Lichte betrachtet gibt es kaum einen Lebensbereich, der so männerdominiert ist wie die Spitzenpolitik.

Die Landeshauptleutekonferenz: Neun Männer, die demnächst durch eine Frau, Johanna Mikl-Leitner, ergänzt werden. Die designierte Pröll-Nachfolgerin ist erst die dritte Frau in der Geschichte Österreichs, die in die edle Riege der Landeschefs aufsteigt.

Der ÖGB: Besteht aus sieben Fachgewerkschaften, die von sieben Männern geleitet werden. Angeführt vom männlichen ÖGB-Präsidenten.

Die Landes-Arbeiterkammern: Davon gibt es neun Stück, die von neun Männern geleitet werden. Vorsitzender der Bundesarbeitskammer ist, richtig geraten, ebenfalls ein Mann. Das auf der AK-Homepage zu betrachtende Foto der AK-Spitze sieht aus wie ein Burschenschaftertreffen. Wenigstens in den Kreis der neun Wirtschaftskammerpräsidenten wurde im Lauf der Zeit die eine oder andere Frau aufgenommen, etwa in Salzburg, Wien und Niederösterreich.

Und das von Kanzler und Vizekanzler angeführte sechsköpfige Regierungsteam, das kürzlich den neuen Koalitionspakt aushandelte, wies überhaupt eine Frauenquote von null Prozent auf. Auch die beiden tragenden Nebenrollen (Innenminister, Verteidigungsminister) wurden von zwei Männern gespielt. Würde man für die jüngste Regierungskrise Oscars verleihen - der Preis für die weibliche Haupt- und Nebenrolle könnte mangels weiblicher Mitspieler nicht vergeben werden. Wobei man füglich unterstellen darf, dass die nächtliche Würstelversorgung bei den langen Verhandlungen ebenso in weiblicher Hand lag wie das morgendliche Säubern des Verhandlungssaals.

Dass es in Österreich noch nie eine Bundespräsidentin oder -kanzlerin gegeben hat, versteht sich von selbst. Von selbst versteht sich auch, dass ausgerechnet die SPÖ-Organisationen von Vorarlberg, Tirol und Oberösterreich von Frauen geleitet werden. Diese drei Landesparteien sind in einem derartig desaströsen Zustand, dass die bedauernswerten Damen nur als "Trümmerfrauen" bezeichnet werden können. Sie dürfen die Scherben wegräumen, die ihre männlichen Vorgänger hinterlassen haben, und sie haben keine Chance, jemals Landeshauptmann, Pardon: -frau zu werden. Weshalb sich auch kein Mann um ihren Job reißt.

Und noch ein Drittes versteht sich von selbst: Das mit Abstand kleinste und entbehrlichste Ministerium, das die ÖVP zu besetzen hat, nämlich das Familienministerium, ist gleichzeitig das einzige schwarze Ministerium, das eine Frau an der Spitze hat.

Dass der Nationalrat derzeit eine Frauenquote von sage und schreibe rund 30 Prozent hat, kann über diese Macho-Bilanz nicht hinwegtäuschen: Wenn es, wie im Parlament, 183 Jobs zu verteilen gibt, vergeben sich die Männer nicht allzu viel, wenn sie auch Frauen heranlassen. Wo die Luft dünn und die Spitzenpositionen rar werden, dominieren die Männer. Und wenn ORF III die Sicherheitssprecher der sechs Parlamentsparteien zur Diskussion bittet, erscheinen unfehlbar sechs Männer. Logisch: Sicherheit ist das Thema, das den Österreichern derzeit am wichtigsten ist. Mann kann es daher keiner Frau anvertrauen.

Hingegen der Wirtschaft Vorschriften machen, die Mann selbst nicht einhält: Das kann die Regierungspolitik sehr wohl.

Aufgerufen am 20.09.2018 um 12:48 auf https://www.sn.at/kolumne/kollers-klartext/kein-oscar-fuer-die-frauenrollen-377950

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