Die alte Frau im Sessel

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Meine Heldin Christian Resch

Meine fünfjährige Tochter kannte die Urlioma gar nicht anders: Fast unbeweglich in ihrem Sessel sitzend, mit dem Blick aus dem Fenster des Altenheims, in Richtung Kirchturm. Kein Wunder, denn ein Jahrzehnt verbrachte die Frau so. Das Gehör war fast verloschen, die Knochen gaben nach, die Augen wurden trüb. Gespräche, Spazierengehen, selbst Lesen und Fernsehen - von allem musste sie Abschied nehmen, Stück
für Stück. Am Ende hätte sie fast ihren Hunderter noch erlebt, zwei Monate fehlten.

Ist die Oma eine Heldin? Nein, weil sie keine Nation gerettet hat und auch keine Eingeschlossenen aus einem brennenden Hochhaus. Ja, eine Heldin ist sie - wegen der Art, wie sie ihr Leben gelebt, genossen, später erduldet hat. Kein Klagen, nicht ein Mal. Kein Einfordern von Besuchen, kein Einreden von Schuldgefühlen, weil das Enkerl (stimmt leider wirklich) so selten zu Besuch kam. Keine Bitterkeit. Nur Demut. Die Oma freute sich ehrlich und rührend, wenn "die Jungen" einmal kamen. Sie dachte an unser Wohl, um uns machte sie sich Sorgen, nie um sich selbst. Davor ziehe ich heute noch den Hut, Oma.

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