Sie stand an der Busstation

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Meine Heldin Heinz Bayer

Sie wohnt in der Nähe. Wir kennen uns. Lange schon. Dann und wann ein Gruß. Ein Lächeln. Aber immer blieb eine Distanz. Vor allem jetzt ist sie da. Als Schutz? Mit "jetzt" ist ein Zustand gemeint. Der Zustand ihres Mannes. Er leidet an Demenz. Die Krankheit kam leise und doch rasend schnell. Wurde schlimm und schlimmer. Allein war das nicht mehr zu schaffen. Eine 24-Stunden-Pflege wurde notwendig. Das half. Eine gewisse Zeit. Aber der Verfall war nicht zu stoppen. Als nächste Station die Aufnahme in eine Klinik. Sie scheint der Endpunkt für ihn zu sein.

Neulich stand sie an der Busstation. Ich hielt. Wir hatten den gleichen Weg. Ich bot an, sie mitzunehmen. Sie stieg ein, schilderte, dass sie die Strecke von 140 Kilometern jeden zweiten Tag fährt. Per Bus oder Zug. Um ihn zu besuchen, der sie nicht mehr kennt. Ihn, der jetzt in einer eigenen Welt lebt. Der aber, sie fühle es, spüre, wenn sie da sei. Sie steigt aus und sagt dann, eines brauche sie nicht: Mitleid. Spätestens übermorgen macht sie sich wieder auf den Weg. Zu ihm.

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