"Das Fragezeichen, es verschwindet"

Fliehen oder bleiben? Für mich und meine Familie war es ein langes Hin und Her. Nun haben wir eine Entscheidung getroffen.

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Notizen im Krieg Daryna Melashenko

Die üblichen alltäglichen Probleme treten zu Kriegszeiten trotz aller Erwartungen nicht in den Hintergrund. Sie bleiben da, wo sie immer waren, offensichtlich peinlich und durch den Krieg multipliziert. Meine Arbeitssucht ist nicht weg. Ich verbringe immer noch viel mehr Zeit bei der Arbeit als ich es sollte, in einem hoffnungslosen Versuch, mich abzulenken. Meine gelegentliche Schlaflosigkeit ist schlimmer geworden und besucht mich nachts immer öfter, sodass ich manchmal sogar am Tage noch paar Stunden Schlaf nachholen muss. Ich werde jeden Tag müder.

Gestern Abend hatten wir schon wieder ein langes, mühsames Gespräch. Ein weiteres Gespräch über unsere mögliche Abreise. Ich sage: "Wenn schon, dann alle zusammen". Das wäre jetzt meine erste Position, mein Verhandlungsziel. Je weiter unser Gespräch geht, desto mehr gebe ich nach.

Nach einer Stunde Überzeugungen, Überlegungen und emotioneller Ausbrüche liegt eine scheinbar endgültige Entscheidung auf der Hand. Die Familie meines Bruders und mein Vater bleiben hier. Ich und meine Mutter fahren zusammen nach Lemberg.

Es fühlt sich nicht richtig an, und jedoch ist das eine Entscheidung. Wir sollen unsere Koffer mit notwendigsten Sachen packen (das ist nicht schwierig, denn alles Wichtige liegt schon seit einer Woche in sogenannten Notfalltaschen).

Am nächsten Tag sind wir alle sehr bedrückt. Das mit den Vorbereitungen geht überhaupt nicht. Weder meine Mutter noch ich haben etwas gepackt. Ich verstehe intuitiv, dass es nicht funktioniert. Nur mein Vater glaubt immer noch an diese Entwicklung und plant lebhaft, begeistert sogar die beste Route für uns.

Der 8. März. Es gibt Blumen. Keine Ahnung, wo mein Bruder sie geschnappt hat. Schöne Tulpen, weiß für meine Mama und bunt für mich. Sie haben überhaupt keinen Duft, nur die Farbe. Es ist für mich immer eine Überraschung: Blumen sind ein Luxus und kein Muss. Heute ist es besonders berührend.

Am Nachmittag haben wir plötzlich Gäste mit einer Flasche Champagner. Da sind mein Musiklehrer mit seiner Frau, gute Freunde unserer Familie und Eltern der Schüler, denen meine Mama gut Ukrainisch beigebracht hatte. Onkel Witja brachte mir seinerseits das Singen und Musizieren bei. Nach einigen Gläsern folgt selbstverständlich die Bitte, etwas zu singen.

Ein Teil ihrer Familie ist jetzt im Westen der Ukraine, ein anderer Teil hier, und wer die Sprache beherrscht und die Gelegenheit hatte, ist schon im Ausland. Sie sind nach dem Kriegsausbruch auf ihre Datscha umgezogen, 20 Minuten mit dem Auto von der Stadt. Man darf nicht mehr in den Wald gehen und Pilze sammeln, was in unseren beiden Familien ein traditionelles Frühlingshobby ist. Das Risiko, statt Steinpilzen auf eine Streckfalle zu stoßen, ist gering aber nichtdestotrotz zu bedrohlich.

Ich kann nicht ordentlich atmen, ganz davon zu schweigen, etwas zu singen. Aber ich gehe in mein Zimmer und hole eine Gitarre. Onkel Witja möchte, dass ich ein romantisches Lied von einer russischsprachigen Band singe. Dafür fehlt mir die richtige Stimmung, auch russischsprachigen Content vermeide ich schon seit einiger Zeit, selbst wenn der Interpret zur Regierung in Opposition steht. Mir fällt dagegen ein Lied ein, das vor Kurzem in der Ukraine erschien.

Ich weiß nicht, von wem das Lied stammt. Als ich zum ersten Mal an einen militärischen Blockpost auf der Stadteinfahrt vorbeiging, hörte ich es aus einem Taxi. Es trägt den Namen einer türkischen Drohne, einer Kampf- und Aufklärungsdrohne, die unsere Streitkräfte ganz gut im Kampf gegen die russischen Truppen einsetzen konnten. Ein Übersetzungsversuch:

Es kommen, es fahren in die Ukraine
viele Besatzer mit ihren Maschinen,
wir kümmern uns freundlich um ihr Inventar.
Bajraktar!

In Originalaufnahme wird dieses Lied von einem Männerensemble gesungen. Meine einsame Stimme klingt also nicht besonders überzeugend. Aber das Lied ist witzig, ist auf gut Ukrainisch geschrieben und gefällt mir jedenfalls sehr.

Unsere Gäste verabschieden sich. Danach machen wir alle sorgfältig den Anschein, dass uns morgen gar keine Abreise bevorsteht. Wir sprechen das Thema nicht an. Ein schweres Fragezeichen schwebt in der Luft.

Spät am Abend schreibt mir mein Freund aus Lemberg, derselbe, der mich früher mit Süßigkeiten verwöhnte. Er schlägt vor, dass ich ein paar Monate bei ihm bleibe. In Lemberg brauche man Koordinatoren mit Fremdsprachenkenntnissen, um bei Medikamentenlieferungen zu helfen.

Morgen fährt ein Zug nach Lemberg ab, vielleicht der letzte diese Woche. Meinen Lemberger Freund habe ich noch gar nicht persönlich kennengelernt, und trotzdem weiß ich irgendwie Bescheid, dass ich mich auf ihn verlassen kann. Ich bespreche das ganz kurz mit meinen Eltern. Ich sage zu.

Das Fragezeichen verschwindet.

Daryna Melashenkoist 26 Jahre alt und lebt in Bojarka, 15 Kilometer von Kiew entfernt.

Aufgerufen am 17.05.2022 um 04:37 auf https://www.sn.at/kolumne/notizen-im-krieg/das-fragezeichen-es-verschwindet-118253908

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