"Ich lüfte. Es riecht nach Krieg."

Die Explosionen kann ich jetzt nicht nur hören, sondern auch sehen. Mein Vater bringt mir bei, wie man die Entfernung ausrechnen kann.

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Notizen im Krieg Daryna Melashenko

Am Abend des 13. Kriegstages sitze ich mit meinen Eltern im Wohnzimmer. Es ist schon das zigste Mal, dass wir unsere mögliche Flucht besprechen, obwohl keiner von uns fliehen will. Trotzdem diskutieren wir unsere Zukunftspläne mehrmals am Tag neu. In einer anderen Kleinstadt in der Nähe von Kyjiw sind viele Zivilisten durch den russischen Beschuss ums Leben gekommen. In ein paar Tagen steht höchstwahrscheinlich ein heftiger Angriff auf die Hauptstadt bevor. Die russischen Truppen sammeln sich im Norden. Ich könnte schwören, dass ich die Ungeduld und Spannung eines bösen Willens, der sie leitet, selbst in weiter Ferne fühlen kann.

Es ist eine Kettenreaktion: Mein Bruder darf nicht ausreisen, da man ihn an der Grenze nicht hinauslassen würde. Seine Frau ist eine treue Lebensgefährtin und will mit ihm zusammen sein. Mein Neffe kann kaum einen Tag ohne seine Mama verbringen, von Wochen oder Monaten gar nicht zu reden. Wenn sie, eine junge Familie, vor dem Krieg nicht fliehen wollen, warum sollen das meine Eltern tun, zwei Senioren über 65? Und dann bleibe am Ende dieser Kette nur noch ich.

Und ich bin diejenige, die überhaupt keine Lust hat, irgendwohin zu fahren. Mich hält hier etwas fest, nicht unbedingt in dieser Kleinstadt, aber in diesem Land. Ich weiß, dass es andere Länder gibt, wo es sicher ist, wo man besser bezahlt wird, wo man mich sogar willkommen heißen würde. Dabei habe ich auch keine Illusionen: Ein Flüchtlingsschicksal ist kein Zucker. Aber das ist nicht das Erste, woran ich denke.

Als ich meine Masterarbeit schrieb, beschäftigte ich mich mit dem Werk von Hermann Hesse. Hesse ist kein eindeutiger Autor, auch wenn von ihm meistens Hippies und Mystiker jeder Art schwärmen. Mein Freund, ein Literaturwissenschaftler aus Italien, sagte einmal: "Er macht sich beim Schreiben wichtig." Gewissermaßen stimmt das. Hesse war auf jeden Fall ein Mensch, der sich und seine innere Welt sehr ernst nahm. In einem Buch von ihm las ich einmal über den Eigensinn. "Wer eigensinnig ist, gehorcht einem anderen Gesetz, einem einzigen, unbedingt heiligen, dem Gesetz in sich selbst, dem ,Sinn des Eigenen'."

Hesse schreibt auch, dass es die schwierigste Sache auf der Welt ist, sich selbst treu zu sein. Ich weiß nicht, ob ich fliehen kann, ohne dass ich mich selbst verliere und eine starke, lebenswichtige Verbindung zwischen mir und meiner Wahrheit zerreißt.

Die Explosionen kann man jetzt nicht nur hören, sondern auch sehen. Mein Vater hat mir eine Methode beigebracht, mithilfe derer man kalkulieren kann, wie weit entfernt sich die Licht- und Tonquelle befindet. Nach dem Lichtblitz muss man die Sekunden zählen, bis man den Donner hört, und dann diese Zahl durch drei teilen. Das ergibt ungefähr die Distanz in Kilometern. In den ersten Tagen konnte man gar keine Blitze sehen. Vorgestern waren es fünfzehn Sekunden und fünf Kilometer. Gestern waren es neun Sekunden und drei Kilometer. Heute Abend hat mein Vater nur bis drei gezählt.

Auf dem Kyjiwer Bahnhof sieht man jeden Tag eine große hektische Mischung aus aufgeregten und nervösen Menschen. Einige meiner Bekannten, die nach Lemberg gefahren sind, sagen, dass sie nur im Stehen fahren konnten.
Es gab schon drei oder vier Evakuierungszüge direkt aus unserer Stadt. Sie sind immer vollgestopft mit Kindern und Frauen. Die lokale Verwaltung gibt sich Mühe, "noch weitere Ausreisemöglichkeiten zu organisieren".

Es gibt nun eine neue seltsame Art von Explosionen. Sie erklingen drei nacheinander, wie kleine Feuerwerke. Über Kyjiw wurden heute zwei russische Flugzeuge heruntergeschossen. Als Kind freute ich mich immer auf den Frauentag und seinen berauschenden Tulpenduft. Aber heute gibt es andere Anlässe zu feiern: ein kleiner Sieg unserer Verteidigung und die "Eliminierung" zweier Lebewesen, die Geburtskliniken und Kinderheime in meinem Land beschießen. Ich lüfte mein Zimmer vor dem Schlafengehen. Es riecht nach Krieg.

Aufgerufen am 20.05.2022 um 05:20 auf https://www.sn.at/kolumne/notizen-im-krieg/ich-luefte-es-riecht-nach-krieg-118188145

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