Das Leben, eine Reihe von Aufregung und Entspannung

Meine Mama ruft an und erzählt von einer Rakete, die direkt durch unseren Garten geflogen sei. Mein Herz beginnt ganz schnell zu schlagen.

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Notizen im Krieg Daryna Melashenko

Mama ruft mich seit unserer Reise nach Kyjiw oft an. Meistens spricht sie von alltäglichen Kleinigkeiten - vielleicht, um schwierige Themen zu vermeiden. Das Schlimmste ist, wenn sie Entscheidungen trifft, die ich auf keine Weise beeinflussen kann. "Ich werde am Wochenende nach Sumy zu Onkel Sascha fahren. Es gibt wieder Züge. Einige Menschen sind schon hingefahren." Meine Mama stammt aus dieser Region. Ihr Bruder Sascha wohnt in einem zehn Kilometer von Sumy entfernten Dorf. 40 Kilometer weiter liegt die Grenze zu Russland. Ich unterdrücke meine Panik.

"Ich möchte unbedingt ein Buch für ihn mitnehmen. Eigentlich wollte ich ihm ein paar Audiobücher auf einem USB-Stick bringen. Aber er hat gesagt, er brauche gar nichts mehr. Seine Stimme … Weißt du, er ist wie erloschen."

Ich überlege, welche Bücher meinem kranken Onkel gefallen könnten. Zuerst denke ich an "Blumen für Algernon". Aber diese Geschichte hat ein trauriges Ende. Ich empfehle meiner Mama zwei ukrainische Krimis. "Falls er uns bald verlässt, sollen die letzten Bücher in seinem Leben spannend sein", denke ich, ohne das Mama zu sagen.

Sie verabschiedet sich. Ich mache mich an die Arbeit. Mit einer Kollegin übersetze ich eine Serie von Broschüren für traumatisierte Jugendliche. Zeitlich sind wir unterschiedlich gestimmt: Sie arbeitet gern in der Nacht, ich am Tag. Trotzdem sind wir ein gutes Team. Heute ist das eine meiner größten Freuden.

Nach ein paar Stunden bin ich mit der ersten Broschüre fertig. Es geht um Merk- und Konzentrationsstörungen. Die Geschichte kann ich nur zu gut nachvollziehen. Während ich Korrektur lese, klingelt mein Handy wieder. Noch ein Anruf von Mama.

"Die Rakete ist direkt durch unseren Garten geflogen." Mein Herz beginnt ganz schnell zu schlagen. "Mama, was heißt direkt?" - "Wir arbeiteten im Garten, und plötzlich kam die Rakete." - "Wie hoch flog sie? Drei Meter, fünf Meter? Ist das Haus intakt?" - "Sie flog über das achtstöckige Gebäude auf der Nachbarstraße." - "Aber Mama!"

Die Rakete fand ihr Ziel woanders. Es gab keine direkte Gefahr. Mama ist aufgeregt und übertreibt ein bisschen. Ich atme aus.

"Du, wir haben überlegt … Es ist zu früh, nach Sumy zu fahren." Ich atme noch mal tief ein. Und noch mal tief aus.

Das Leben ist eine Reihe kontinuierlicher Aufregungen und Entspannungen. Unserem Nervensystem liegt das Flackern elektrischer Impulse inne. Wir atmen ein und aus, schlafen ein und wachen auf. Ein Salzburger sagte mir einmal: "Die einzige beständige Sache in Ihrem Leben ist Wandel." Das brachte er mir ganz rechtzeitig bei. Dieser Satz hält mich irgendwie über Wasser.

Daryna Melashenko, 26 Jahre, ist von Bojarka bei Kiew nach Lemberg geflohen.

Aufgerufen am 20.05.2022 um 06:41 auf https://www.sn.at/kolumne/notizen-im-krieg/das-leben-eine-reihe-von-aufregung-und-entspannung-120622447

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