Der Krieg hat sich in meine Träume eingeschlichen

Seit fast einem Monat herrscht Krieg in der Ukraine. Und zunehmend bestimmt er nicht nur meine Gedanken am Tag - sondern auch in der Nacht. Zumindest bis uns wieder die Sirene weckt.

Autorenbild
Notizen im Krieg Daryna Melashenko

Seit 26 Tagen herrscht Krieg. Seit einem knappen Monat können wir nicht mehr ruhig schlafen. Und es gibt noch etwas. Der Krieg hat sich in unsere Träume eingeschlichen.

Es dauert immer ein bisschen, bis unser Unterbewusstsein neue Informationen bearbeitet. Einige Sachen findet die Psyche generell nicht sehr wichtig. Von seinem Handy träumt man eher selten. Was uns nachhängt, sind Geschehnisse, Inhalte und Emotionen, die unsere eigene Geschichte ausmachen.

Am Sonntag habe ich von einem kleinen Jungen geträumt, den ich nach Hause bringen muss. Er war sehr traurig und wollte nach langer Zeit endlich seine Eltern sehen. Ich wusste, dass sein Papa nicht zu Hause war, und musste ihm das erklären. "Vielleicht ist deine Mama da?" Als wir uns dem Haus näherten, begriff ich plötzlich, dass es unser Familienhaus war.

In der Tür stand eine freundliche Frau in einer Schürze. Eine komplett fremde Frau. Der Bub musste bei ihr bleiben, weil er keine Verwandten mehr hatte.

Nach langen Spaziergängen durch Lemberg sind meine Beine und Füße sehr müde geworden. Und nachts träume ich davon, dass die Füße mir den Dienst ganz und gar versagt haben. Im Traum bin ich eine Rollstuhlfahrerin, bin in Kyjiw und habe eine wichtige und dringende Aufgabe. Aber ich kann nicht mehr so gut durch die Hauptstadt manövrieren. Ich steige die U-Bahn-Rolltreppe einer der zentralen Stationen hoch und schaue mich um. Eine Öde. Keine Gebäude, keine Menschen, nur eine einzige Straße voller Erde und Kies. Sie führt zu einem kleinen Wäldchen in der Nähe. Ich überlege. Ich brauche noch vier Kilometer zu meinem Ziel und muss durch das Wäldchen. Dort lauert Gefahr. Also steige ich die Rolltreppe wieder hinunter und fahre zu einer anderen U-Bahn-Station.

In einem anderen Traum muss mein Freund in Lemberg eine ganze Kleinstadt evakuieren, er übernimmt diese Aufgabe mit aller Ernsthaftigkeit. Selbst im Traum ist er ein verantwortungsvoller Mensch. Das amüsiert mich ein bisschen.

Dann weckt uns wieder mal die Sirene auf. Ich bitte ihn, das Klappbett in den Flur zu bringen. Dort gibt es doppelte Wände. Ich hole auch ein paar Bananen und Wasser aus der Küche. Kaffee trinke ich nicht mehr. Er macht mich ängstlich. Und ich bin schon ängstlich genug. Wir warten auf die nächste Sirene, die uns signalisiert, dass es nun wieder sicher ist.

Nach dem Frühstück rufe ich meine Eltern und meine Schwägerin an. Sie bleibt jetzt zusammen mit meinem Neffen in einem Dorf in einer sicheren Region. Nach zwei Minuten Telefonat verstehe ich, dass sich etwas geändert hat. Etwas Kleines und trotzdem Wichtiges. Ich höre meine russischsprachige Schwägerin zum ersten Mal in meinem Leben fließend Ukrainisch sprechen. Ihre Stimme wirkt auf mich wie eine schöne, längst vergessene Melodie.

Es freut mich sehr. Vielen Ukrainerinnen und Ukrainern geht es so. Viele Russischsprachige fangen an, Ukrainisch zu sprechen - nicht, weil sie dazu gezwungen wurden, sondern weil sie etwas verstanden haben: Die Sprache ist keine Selbstverständlichkeit. Sie ist ein Symbol dafür, dass wir Ukrainer zusammengehören. Dieses Verständnis, dieses Bewusstsein ist viel wert. Und hat einen teuren Preis.

Daryna Melashenko, 26 Jahre, ist von Bojarka bei Kyjiw nach Lemberg geflohen.

Aufgerufen am 18.05.2022 um 03:54 auf https://www.sn.at/kolumne/notizen-im-krieg/der-krieg-hat-sich-in-meine-traeume-eingeschlichen-118784650

Kommentare

Schlagzeilen