Ich frage mich: Worum geht es den Europäern?

Ich denke an den Unterschied zwischen unseren Schlangen vor Geschäften, unseren Mädchen, unseren Realitäten und russischen.

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Notizen im Krieg Daryna Melashenko
Lemberg in der Ukraine SN/AP
Lemberg in der Ukraine

Es ist Sonntag. Ich muss wieder anfangen, Nachrichten zu lesen. Es gibt ein paar neue Themen, im Großen und Ganzen hat sich nicht viel geändert. Bestimmte Themen verfolge ich gerne. Auf andere muss ich nach wie vor verzichten, wenn ich stabil bleiben will.

Ich mag es, Statistiken über eliminierte Feindkräfte zu lesen. 14.700 Soldaten, 476 Panzer, 96 Flugzeuge. Diese kalten Ziffern deute ich wie eine Spanne im PC-Spiel. 14.700 Zombies, 476 Fleischfuhren, 96 knochige Drachen. Gute Fortschritte. Schade, dass ihr erbärmlicher König noch am Leben ist. Eins freut mich nur: Unsterblich ist er gewiss nicht.

Es ist auch interessant, wirtschaftliche Folgen der Invasion in Russland zu beobachten. Auf einem Video sehe ich, wie Käufer im Geschäft panisch Zucker von Regalen schnappen und einander aggressiv wegdrängen. Dann, wie die Moskauer in einer langen Schlange vor McDonald's stehen. Das lässt mich an sowjetische Zeiten denken, als die Fast-Food-Kette nach Russland gekommen war. Und noch ein Video: Ein russisches Instagirl beschwert sich weinend über die gesperrten Konten.

Als es in der ersten Kriegswoche zu leeren Regalen gekommen war, suchte ich fast jeden Tag nach Milch und Eiern. Ich rechnete ebenfalls mit Streitereien. Stattdessen erlebte ich, dass mir Unbekannte auf den Straßen Hinweise gaben, in welchem Geschäft es noch frische Eier und Haltbarmilch gibt.

Heute habe ich von meiner Mutter noch eine Geschichte erfahren. Es geht um eine große Bäckerei im nahe liegenden Dorf. Anfang Februar wollte der Besitzer zusperren: Es mangelte an Personal und Rohstoffen. Also baute er langsam die Betriebseinrichtungen ab. Mit Kriegsbeginn bestand aber sofort großer Bedarf an Brot. Binnen Stunden meldeten sich Menschen, die ihm halfen. Sie brachten Mehl, Zucker, Hefe. Die ehemaligen Partner lieferten mehr davon. Am dritten Kriegstag kamen die 16-jährige Kristina und die 20-jährige Diana, um in der Backstube zu arbeiten. Von morgens um 8 Uhr bis spät am Abend, trotz gewaltiger Explosionen, die das Gebäude zum Zittern brachten. Und vor der Bäckerei bildeten sich lange Schlangen von weiteren Freiwilligen.

Ich denke an den Unterschied zwischen unseren Schlangen, unseren Mädchen, unseren Realitäten. Die Videos können Teil eines sorgfältig ausgewählten Contents sein. Trotzdem fällt es mir leicht, solche Darstellungen der russischen Realität zu glauben. An ein Russland, wo es weniger um die Menschlichkeit und vielmehr um Konsum geht.

Ich frage mich auch: Worum geht es den Europäern?

Daryna Melashenko, 26 Jahre, ist von Bojarka bei Kiew nach Lemberg geflohen.

Aufgerufen am 22.05.2022 um 09:06 auf https://www.sn.at/kolumne/notizen-im-krieg/ich-frage-mich-worum-geht-es-den-europaeern-118741504

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