Im Regen höre ich nun Kanonendonner

Im Krieg verändert sich die Klanglandschaft. Die Sirenen höre ich schon kaum mehr. Neu sind die Schüsse, die in der Nähe unseres Hauses abgefeuert werden. Und immer mehr dringen diese Klänge in mein Unterbewusstsein.

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Notizen im Krieg Daryna Melashenko

Das Sirenengeheul geht mir nicht mehr auf die Nerven. Manchmal bemerke ich die Sirenen öfter in meiner Luftalarm-App als in der Realität. Aber ich habe ein neues Problem: Schüsse.

In der Nähe unseres Hauses wird täglich geschossen. Als ich die Geräusche zum ersten Mal hörte, dachte ich, dass jemand einen Teppich ausklopft. Aber die Schläge hatten Rhythmus und Struktur. Außerdem würde sich niemand stundenlang am Tag mit Teppichklopfen beschäftigen, auch nicht der ärgste Sauberkeitsfanatiker. Es war wohl eine Schießübung. Überprüfen kann ich meine Mutmaßung nicht: Selbst wenn jemand das ganz genau wüsste, darf diese Information nicht verbreitet werden.

Dieses Wissen würde mir auch nicht sehr viel helfen. Ich habe den Eindruck, dass ich mich an diese Klanglandschaft gewöhnt habe. Heute Nacht hat sich dieser Eindruck als falsch erwiesen.

Ich habe von meinem Haus im Vorort Kyjiws geträumt. In meinem Zimmer ist viel los. Hier befinden sich gleichzeitig ein kleines IT-Unternehmen und eine Gruppe von Künstlern. Die Künstler verlangen ein bisschen aggressiv, dass ich einen großen Text für sie dringend Korrektur lese. Ich kann das nicht tun, weil ich gerade auf dem Bett sitze und einen Mann küsse. Gott sei Dank verlangen die IT-Kerle gar nichts. Sie arbeiten einfach.

Dann gehe ich in ein anderes größeres Zimmer, wo meine Eltern etwas lebhaft besprechen. Meinem Vater steht eine Arbeitsreise nach Singapur bevor. Er schaut sich YouTube-Videos über das Land an und überlegt, was in den Koffer muss. Meine Mama hilft ihm beim Einpacken. Arbeitsreisen sind für meinen Vater eine ganz übliche Sache, somit ist das eine typische Szene. Nur der Zielort Singapur ist ein bisschen seltsam. Es ist viel zu weit weg und viel zu fremd. Ich mache mir Sorgen: Findet Papa sich überhaupt zurecht?

Zuletzt höre ich noch, wie mein Neffe lacht. Er spielt Fangen im Garten. Jemand läuft ihm hinterher, er ist begeistert und aufgeregt. Er kommt angerast zur Schwelle des Hauses, springt hinein und schließt die Eingangstür hinter sich. In nächster Sekunde sind vier laute aufeinanderfolgende Schüsse zu hören. Ich wache auf. Der Regen prallt an das Fenster.

Das Kopfkino, das unser Unterbewusstsein für uns täglich dreht, kann man auch mit realem Kino vergleichen. Manche Filme sind ohne Weiteres absurd. Andere können eine gewisse, aber nicht immer nachvollziehbare Bedeutung haben. Nicht alle Träume nehme ich ernst. Diese Geschichte ist mir aber ganz klar. Das sind Bilder aus meinem privaten und beruflichen Alltag. Genauer gesagt aus dem Vorkriegsalltag, dessen Ende im Traum die vier Schüsse kennzeichneten.

Ich bleibe noch lange wach. Ich höre scheinbare Schießereien, Feuerwerke, Kanonendonner, Frauengeschrei. All das ist plötzlich im Rauschen des Frühlingsregens zu hören. Des Regens, der früher auf mich wie das beste aller Schlafmittel wirkte.

Meine Freundin, eine Psychologin, sagte mir vor Kurzem: "Die Änderungen, die wir jetzt bei uns selbst beobachten, sind normale Reaktionen normaler Menschen auf nicht normale Ereignisse." Dieser Gedanke hilft mir. Ich konzentriere mich auf das Bild von vielen runden, kalten Wassertropfen, die an das nasse Fenster klopfen. Sie sind nicht gefährlich. Sie sind nicht tödlich. Sie fallen aus einer Wolke herunter, um in der Erde verborgenen Samen zu beleben. Ich sehe vor meinem inneren Auge, wie kleine Sprossen zu Grasblättern werden, und schlafe langsam ein.

Der kleinste Spross zeigt, dass es wahrlich keinen Tod gibt, und wenn es ihn je gab, brachte er das Leben voran und wartet nicht am Ziel, es aufzuhalten, und endete in dem Augenblick, als das Leben erschien. (Walt Whitman, "Grasblätter", übersetzt von Jürgen Brôcan.)

Daryna Melashenko ist 26 Jahre alt und ist von Bojarka bei Kiew nach Lemberg zu einem Freund geflohen.

Aufgerufen am 23.05.2022 um 01:47 auf https://www.sn.at/kolumne/notizen-im-krieg/im-regen-hoere-ich-nun-kanonendonner-119260222

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