"Plötzlich begreife ich, dass ich nicht fliehen will"

Daryna Melashenko lebt in einem Vorort von Kiew. Sie hat sich trotz aller Gefahren entschieden zu bleiben. Für die SN schreibt sie ein Tagebuch aus dem Krieg.

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Notizen im Krieg Daryna Melashenko

Es wird viel über Tschernobyl geredet. In den Nachrichten lesen wir, dass die Strahlungswerte angeblich steigen. Meine Eltern haben die Tschernobyl-Katastrophe hautnah miterlebt. Wir haben Jod zu Hause, meine Mutter weiß, wer wie viele Tropfen einnehmen soll im Falle einer kritischen Ausstrahlung.

Meine Eltern wollen, dass ich fliehe. Ich habe keine Ahnung, ob ich das tun soll oder nicht. Ich muss nachdenken.

Inzwischen gehen wir, mein Vater und ich, in die Apotheke. Es gibt eine riesige Schlange in die einzige Apotheke, die noch offen hat. Mein Vater will zum Bahnhof gehen, er ist ganz in der Nähe, und die Frau am Schalter fragen, ob es noch Züge gibt. Er überlegt, wie ich am besten in die Westukraine fahren kann. Die Kassiererin sagt: "Heute gibt es noch Züge. Was morgen kommt, das wissen wir nicht."

In der Apotheke kaufen wir einige Medikamente ein, die noch im Lager sind. Schmerzmittel und Beruhigungstropfen sind so gut wie aus. Die Menschen in der Schlange sind nervös, aber niemand wirkt aggressiv oder betrübt. Die Apothekerin ist komplett erledigt und macht alles sehr hektisch. Sie schafft es trotzdem, den Kunden noch Empfehlungen zu Ersatzoptionen zu geben. Mir erklärt sie die richtige Dosierung. Ich danke ihr und sage "Durchhalten!". Sie lächelt für eine halbe Sekunde.

Ich versuche, eine Strategie auszuarbeiten, wie ich in den Westen fahren kann, mindestens nach Lemberg. Ich mache das aber extrem ungern … und kann nicht verstehen, warum das so ist. Es gibt mehrere Möglichkeiten, aber ich fühle mich von keiner angesprochen.

Ich stelle mir eine Zukunft vor, in der ich nach Deutschland oder nach Österreich fahre, einen Flüchtlingsstatus bekomme, an einer Universität studieren und in Europa arbeiten darf. Obwohl eine zweite europäische Ausbildung einer meiner größten Träume ist, gefällt mir diese Zukunft überhaupt nicht.

Plötzlich begreife ich, dass ich überhaupt nicht fliehen will. Das wünschen sich meine Eltern. Ich frage mich: Was will denn ich machen?

Aufgerufen am 27.05.2022 um 08:10 auf https://www.sn.at/kolumne/notizen-im-krieg/notizen-im-krieg-ploetzlich-begreife-ich-dass-ich-nicht-fliehen-will-118051801

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