Barockoper "Der Neustart der Koalition", 137. Aufführung

Vergessen Sie Händel, vergessen Sie Monteverdi. Die Farinelli-Koalition beherrscht die Bühne.

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Purgertorium Alexander Purger

Barockopern sind ein Renner. Ob von Monteverdi, Händel oder Lully, das Publikum stürmt die Aufführungen wegen ihrer Pracht und Herrlichkeit. Wobei die musikalische Pracht zumeist auf die Arien beschränkt ist. Im dürren Sprechgesang der Rezitative wird zwar die Handlung vorangetrieben, während sie in den prachtvollen Arien stillsteht. Aber wen interessiert in einer Barockoper schon die völlig unverständliche Handlung?

Das ist genauso wie in der Großen Koalition. Auch da ist die Handlung derart verwickelt und undurchschaubar, dass sie kaum noch jemand beachtet. Aber die prächtigen Soloarien! Mitterlehner, Schelling, Kurz und die große, große Arie des Christian Kern! Der barocke Superstar Farinelli war nichts gegen unseren Bundeskanzler in Wels.

Wie erwähnt steht in Barock-Arien die Handlung still. Der Held drückt durch seinen Gesang lediglich seine Stimmung aus, und das möglichst intensiv. Man unterscheidet Liebes-, Hass-, Eifersuchts-, Wahnsinns- und Kriegs arien. Alles das durften wir aus dem Munde der Koalition heuer schon hören.

Eine aktuelle Spezialität, die es im Barock noch nicht gab, ist die Neustart-Arie. Wegen ihres großen Erfolgs wurde sie von den Regierungsimpresarios zu einer ganzen Barockoper ausgebaut: "Der Neustart der Koalition". Um des Besucheransturms Herr zu werden, wird dieses Werk immer wieder neu auf die Bühne gebracht. Eine inoffizielle Zählung ergab neun Neuinszenierungen allein in den letzten acht Jahren. Die Zahl der Einzelaufführungen wird auf stolze 137 geschätzt.

"Der Neustart der Koalition" ist damit die meistgespielte Barockoper der Jetztzeit. Sie stellt Monteverdis "Die Krönung der Poppea", Händels "Ariodante" und Lullys "Cadmus et Hermione" weit in den Schatten. Allein im abgelaufenen Jahr wurde "Der Neustart der Koalition" drei Mal aufgeführt, zuletzt beim Amtsantritt von Kanzler Farinelli, äh, Kern.

Die Gründe für den Erfolg der Oper sind nach Einschätzung von barocken Experten die schalmeienartigen Klänge, die Verwandlungskünste aller Darsteller sowie die aufwendige Bühnentechnik. Tatsächlich werden weder Kosten noch Mühen gescheut, um dem Zuseher möglichst erstaunliche Effekte zu bieten. Ob grässliche Neuwahl-Gespenster, nicht unterschreibende Sobotkas oder (beim Publikum besonders beliebt) plötzlich einsetzende Geldregen - bei "Der Neustart der Koalition" ist alles möglich. In der aktuellen Neuinszenierung wurde sogar ein wohlwollend nickender Bundespräsident dazu erfunden.

Das macht schon Lust auf die nächste Neuinszenierung. Wann sie über die Bühne gehen wird? Demnächst in diesem Theater.

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