Die Harmonie ist ein Wachtelküken

Autorenbild
Purgertorium Alexander Purger

Die alten Ägypter waren recht erfinderisch, was ihre Hieroglyphen betraf. Das Zeichen für "1000" war eine Wasserlilie, jenes für "100.000" eine Kaulquappe. Und die Hieroglyphe für "Prognose, Voraussicht" war eine Giraffe. Man ahnt alle drei Male, warum.

Man muss jetzt nicht die herausra gende Blickhöhe einer Giraffe besitzen, um zu ahnen, dass unserer Großen Koalition keine Kaulquappe an Stunden mehr beschieden ist, sondern eher nur noch eine Wasserlilie.

Als letzte Rettung starteten die Regierungsparteien dieser Tage die, wie es hieß, Suche nach Schnittmengen. Was ist eine Schnittmenge? Die Mengenlehre lehrt das so: "Gegeben ist eine nicht leere Menge U von Mengen. Die Schnittmenge von U ist die Menge der Objekte, die in jedem Element von U - das ist jeweils wieder eine Menge - enthalten sind." Alles klar? Wenn wir es richtig verstanden haben, betrachten sich SPÖ und ÖVP doch eher überraschend als zwei nicht leere Mengen, die sich vermengen wollen, und irgendetwas in dieser politischen Gemengelage hört auf den schönen Namen U.

Die ägyptische Hieroglyphe für U war übrigens ein Wachtelküken. Fragen Sie jetzt nicht, warum. Jedenfalls scheint die Zukunft der Großen Koalition an relativ kleinen Dingen zu hängen.

Die Wiener SPÖ, wo derzeit mindestens ebenso viel gestritten wird wie in der Bundeskoalition, hat einen anderen Lösungsweg beschritten. Dort wurde soeben eine Arbeitsgruppe "Harmonie" ins Leben gerufen, die in der Partei wieder selbige herstellen soll.

Wo diese Arbeitsgruppe tagen wird, ist unschwer zu erraten, denn in Wien gibt es eine Harmoniegasse. Diese ist wiederum benannt nach dem Harmonietheater, das sich einst dort befand. Alten Theaterzetteln ist zu entnehmen, was auf dieser weitum berühmten Varietébühne so alles geboten wurde.

Der Schwertschlucker Benedetti trat dort etwa auf. Oder der Japaner O'Tora, ein Matador des schrägen Turmseils. Weiters Brownes Bicyclistinnentruppe (vermutlich nackt). Dann Napoli, der singende Athlet. Die Riesin Marian (2,56 Meter groß). Auch der sensationelle russische Hundemensch Wassilowitsch war zu bewundern. Ebenso der einbeinige Reckkünstler Dare und der Telegrafendrahttänzer Wainrata. Sowie dressierte Wölfe und Texasochsen (!).

Das also hat man sich im Wien des
19. Jahrhunderts unter Harmonietheater vorgestellt. Ob das heute viel anders ist? Michael O'Häupl, der Matador des schrägen Rathausturmseils, und seine Partei der undressierten Wölfe . . .

Aber auch ernst zu nehmende Stücke wurden im Harmonietheater aufgeführt. Alte Programme berichten von einer Pantomime "Kalamitäten in der Küche" und einer Operette mit dem Titel "Die schöne Griechin". Häupls Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou wäre sicher geschmeichelt gewesen.

Als Staatsbürger kann man nur hoffen, dass alle sensationellen Streitathleten, ob in Wien oder im Bund, bald in die Harmoniegasse zurückfinden.

Übrigens hat der venezianische Weltreisende Marco Polo von seiner China-Reise im 13. Jahrhundert ein interessantes Rezept zur Streitschlichtung mitgebracht: Als in einem tatarischen Königreich ein Konflikt unter den Prinzen ausbrach, nahm die Königin ein großes Messer und drohte, sich umzubringen, wenn der Streit nicht sofort beendet werde. Als Erstes, so rief sie den zer strittenen Söhnen zu, werde sie sich die Brüste abschneiden, an denen die Prinzen einst gesogen hätten. Die dras tische Drohung wirkte laut Marco Polo augenblicklich. Kleinlaut schlossen die Königssöhne wieder Frieden.

Vielleicht sollten wir Steuerzahler drohen, uns die prallen Brüste der Parteiförderung abzuschneiden? Nur so zur Wiederherstellung der Harmonie.

Aufgerufen am 21.11.2018 um 09:41 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/die-harmonie-ist-ein-wachtelkueken-488332

Schlagzeilen