Der Hase in Mandelas Ohr

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Purgertorium Alexander Purger

Mit dem Reden (vor allem dem politischen Reden) ist es so eine Sache. "An dem menschlichen Leib ist kein heik licheres, kein delikaters, kein schleckerhafters, bösers, falschers, geschwinders, schädlichers, teurers und lasterhafters Glied als die Zunge", wetterte Abraham a Sancta Clara. Denn die Zunge sei es, "die vielmals Seel und Leib zugrunde gerichtet, andere und sich selbst in das äußerte Verderben gestürzt hat".

Mit Verlaub: Unseren Herrn Bundeskanzler und unseren Herrn Vizekanzler kann der wortgewaltige Barock-Prediger nicht gemeint haben. Beide benutzten diese Woche ausführlich ihre Zunge und stürzten dabei ganz und gar niemanden ins Verderben. Ganz im Gegenteil. Sie erquickten mit ihrem ganz und gar nicht lasterhaften Glied ihre Zuhörerschar von Wels bis Pöllauberg.

Die beiden Jahresantrittsreden unserer Regierungschefs straften auch die Bibel Lügen, die Reden als lebensgefährlich hinstellt. Die Apostelgeschichte berichtet von einem gewissen Eutychus, der während einer eher länglich geratenen Predigt des Apostels Paulus auf der Fensterbank einschlief, aus dem dritten Stock stürzte und starb.

Böse (siehe oben!) Zungen behaupten, Christian Kern und Reinhold Mitter lehner hätten ihre Neujahrsansprachen deswegen in ebenerdig gelegenen Räumlichkeiten gehalten, aber das ist selbstverständlich Unsinn. Und selbst wenn einem ihrer Zuhörer das Schicksal des bedauernswerten Eutychus widerfahren wäre: Sie hätten gewiss genauso gehandelt wie der hl. Paulus und das Opfer ihres Redeschwalls im Handumdrehen wieder zum Leben erweckt.

Die magischen Fähigkeiten dazu haben Kern und Mitterlehner jedenfalls, daran besteht kein Zweifel. Schließlich stellten die beiden für heuer noch ganz andere Wundertaten in Aussicht als die Wiederbelebung eines aus dem dritten Stock Geplumpsten.

Der Kanzler zum Beispiel entwickelte in seiner fast zweistündigen, also beinahe schon Apostel-Paulus-mäßigen Rede in Wels ein Reformprogramm für - so wörtlich - "Wohlstand, Sicherheit und gute Laune". Der Regierungschef als politischer Gaudi-Max. Was, bitte, braucht der Österreicher mehr?

Auch ließ Kern mit Sätzen aufhorchen, die es dem Zuhörer wie Schuppen von den Augen fallen ließen. "Wir leben in der Gegenwart", sagte er ganz offen. Lange, allzu lange haben wir auf einen Bundeskanzler warten müssen, der es wagte, diese ewige Wahrheit ohne Umschweife anzusprechen.

Mitterlehner, nicht faul, konterte tags darauf in Pöllauberg mit einer bloß halbstündigen Rede (schließlich ist er nur der Vizekanzler), aber ebenso wundersam: Er entwarf ein Programm für mehr Mut in Österreich. Dafür ist Mitterlehner zweifelsohne der richtige Mann, denn wer seit einem Jahr eine ÖVP-Obmanndebatte aushält, ist geradezu ein Apostel des Mutes.

Aber apropos großer Schwarzer: Als Nelson Mandela starb, gab Südafrika bei Bildhauern eine überlebensgroße Statue des Verstorbenen in Auftrag, die bereits am Tag nach der Beerdigung in Pretoria enthüllt werden sollte. Die Künstler hatten also allergrößte Eile und um auf selbige aufmerksam zu machen, modellierten sie in das rechte Ohr der Mandela-Statue einen kleinen Hasen hinein. Denn "haas" bedeutet in Afrikaans sowohl Eile als auch Hase.

Die Idee war entzückend, doch die Stadtväter von Pretoria waren nicht entzückt. Sie stellten völlig spaßbefreit fest, dass Nelson Mandela im Leben nie einen Hasen im Ohr sitzen gehabt habe, und ordneten daher dessen Entfernung aus dem Denkmal an. Schade, sehr schade. Aber immerhin wissen wir jetzt eines: Sollte jemals ein Denkmal der lustig-mutigen Reformpolitik in Österreich errichtet werden, ein Hase kommt dabei gewiss nicht vor.

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