Heldenplatz und Esel-Träger

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Purgertorium Alexander Purger

Ein Mann geht mit seinem Sohn auf den Viehmarkt und kauft einen Esel. Auf dem Rückweg gehen Vater und Kind neben dem Tier her, bis ihnen ein Wanderer entgegenkommt und spottet: "Wie dumm ihr seid! Wozu habt ihr einen Esel, wenn keiner auf ihm reitet?" Daraufhin setzt der Vater seinen Sohn auf den Esel und sie reisen weiter.

Da kommt wieder ein Wanderer und sagt zu dem Knaben: "Du solltest dich schämen! Mit deinen jungen Beinen lässt du dich tragen, während dein alter Vater zu Fuß gehen muss." Sofort steigt der Bub ab und der Vater setzt sich auf den Esel. So reisen sie weiter.

Aber nicht lange, denn bald kommt der nächste Wanderer und ruft dem Reitenden zu: "Du bist mir ein schöner Vater! Lässt dich tragen, während dein Sohn auf seinen schwachen Beinen laufen muss!" Der Vater steigt ab und kratzt sich hinter dem Ohr. Doch bald hat er die Lösung gefunden: Beide - Vater und Sohn - besteigen den Esel und setzen so ihren Heimweg fort.

"Tierquälerei!", ruft der nächste Wanderer, der ihnen entgegenkommt. "So ein schwaches Tier und muss zwei Menschen tragen, die genauso gut auf eigenen Beinen laufen könnten." Da steigen Vater und Sohn ab, schultern den Esel und tragen ihn nach Hause.

Diese bekannte Geschichte wirkt wie eine Parabel auf die Politik. Auch da kann die Regierung tun, was sie will, es wird immer jemand dagegen sein. Tut sie A, empfiehlt man B. Tut sie B, wird C als viel klüger bezeichnet. Und fasst sie C ins Auge, gilt plötzlich D als die einzig vernünftige Lösung.

Man bezeichnet diese Situation als Polylemma, also eine Art ins Unendliche erweitertes Dilemma. Der Ausweg, den die Regierung daraus findet? Meistens trägt sie den Esel nach Hause.

Der neueste Anlass dazu ist die Idee, den Wiener Heldenplatz umzubenennen. Die SPÖ möchte den Platz in "Platz der Republik" oder "Platz der Demokratie" umbenennen, würde vermutlich aber auch über "Christian-Kern-Platz" mit sich reden lassen.

Entgegenkommende Wanderer haben der SPÖ bereits zugerufen, sie solle die Finger davon lassen, denn der Platz sei zu Ehren von Prinz Eugen und Erzherzog Karl so benannt, und gegen die beiden gebe es historisch gesehen nicht das Geringste einzuwenden.

Ohne den Wanderern jetzt entgegenkommen zu wollen, muss man trotzdem Zweifel an ihrer These anmelden. Erzherzog Karl war eindeutig kein Vertreter der Willkommenskultur, sondern hat den friedlich einmarschierenden Franzosen-Heeren Napoleons bei Aspern mächtig aufs Haupt geschlagen. Und Prinz Eugen war eindeutig islamophob, da er den vollkommen friedlichen Vormarsch der osmanischen Heere auf dem Balkan (heute würde man von der Balkanroute sprechen) gewaltsam stoppte.

Also doch lieber ein Christian-Kern-Platz? So einfach ist das auch wieder nicht. Denn erstens würde die ÖVP dann zum Ausgleich verlangen, dass die Hundeauslaufzone auf dem Heldenplatz in "Reinhold-Mitterlehner-Auslaufzone" umbenannt wird. Und zweitens würden in die andere Richtung unterwegs seiende Wanderer schon darauf hinweisen, dass Prinz Eugen wahrscheinlich der prominenteste Homosexuelle der Geschichte war. Ihm seinen Heldenplatz wegzunehmen, wäre also eindeutig homophob. - Ein Polylemma.

Um endlich den Esel zu schultern, hier der finale Vorschlag: Der Heldenplatz wird in Eurofighter-Platz umbenannt, um den Gedanken eines gemeinsamen, wehrhaften, aber (da noch kein österreichischer Eurofighter je einen Schuss abgegeben hat) friedlichen Europas zu unterstreichen. Die Hundeauslaufzone wird in "Pilz-Doskozil-Auslaufzone" umbenannt. Und zur Ruhigstellung allfälliger Wanderer werden Sitzbänke aufgestellt. - Ein Monolemma.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 04:43 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/heldenplatz-und-esel-traeger-339769

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