Kern gegen Kurz - ein Duell zu dritt

SPÖ und ÖVP erinnern bei ihrem Vorwahlkampf stark an die Geiger auf dem Deck der sinkenden "Titanic".

Autorenbild
Purgertorium | Innenpolitik Alexander Purger

Christian Kern gegen Sebastian Kurz. Was für ein Duell! Das sind die Konstellationen, die die Medien lieben, und zwar nicht nur die in Österreich. Auch die deutschen Zeitungen und Fernsehsender sind voll mit Berichten über die beiden smarten Herren aus Wien, die sich gerade anschicken, ihr großes Duell um die Kanzlerschaft auszutragen.

Die beiden smarten Herren wirken dabei nicht ungeschmeichelt. Sebastian Kurz beehrt deutsche Talkshows, Christian Kern schreibt großformatige Aufsätze im deutschen Feuilleton. Kurz reibt sich an Angela Merkel, Kern zeigt sich als Kämpfer allein gegen die CETA-Mafia. Kurz gibt sich als Orbán-Versteher, Kern beschwört medienwirksam den SPÖ-Übervater Bruno Kreisky. Und beide tragen dabei diese wahnsinnig gut sitzenden schwarzen Slim-fit-Anzüge. Was für ein Duell!

Nur ein kleines Faktum fällt bei dieser wunderbaren Inszenierung unter den Tisch: Vielleicht sollte den beiden jemand sagen, dass sie nicht allein auf der Welt sind.

SPÖ und ÖVP führen derzeit einen Vorwahlkampf, als schrieben wir nicht 2016, sondern befänden uns in den 50er- oder 60er-Jahren. Also in einer Zeit, als die beiden Großparteien noch völlig allein auf weiter Flur standen. Als SPÖ und ÖVP gemeinsam noch mehr als 90 Prozent der Stimmen auf die Waage brachten und mit Fug und Recht von absoluten Mehrheiten träumen durften.

Es scheint, als hätten Kern und Kurz nicht bemerkt, dass diese Zeiten eher vorbei sind. Heute bringen SPÖ und ÖVP gemeinsam nicht einmal mehr 50 Prozent auf die Umfrage-Waage. Nach der nächsten Wahl dürften sie nicht einmal mehr eine gemeinsame Regierungsmehrheit schaffen (was sie augenscheinlich auch gar nicht mehr wollen).

Damit entpuppt sich das Duell Kern gegen Kurz und SPÖ gegen ÖVP als glatte Themenverfehlung. Denn wer derzeit in Umfragen unangefochten an der Spitze liegt, ist Heinz-Christian Strache. Und dessen Anhängern ist es vollkommen gleichgültig, ob die Kanzler- und Außenminister-Anzüge von Gucci oder Prada sind, was für Gastkommentare in deutschen Weltblättern erscheinen und mit welchen intellektuellen Lesefrüchten die Kanzler-Ansprachen geschmückt sind.

Der bereits begonnene Nationalratswahlkampf wird eine unfassbar harte Auseinandersetzung um die Führung in Österreich sein. SPÖ und ÖVP scheinen den Ernst ihrer Lage noch nicht erkannt zu haben. Wenn sie weiterhin nur gegeneinander wahlkämpfen und vor lauter medialer Inszenierung auf die Politik vergessen, werden sie untergehen. Wie die Geiger auf dem Deck der "Titanic", die bis zuletzt ihre wunderschönen Melodien spielten.

Aufgerufen am 14.11.2018 um 05:50 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/kern-gegen-kurz-ein-duell-zu-dritt-988282

Schlagzeilen