Lenin und die Arbeitsgruppe

Nahreichende Beschlüsse hat diese Woche die Regierung gefasst.

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Purgertorium Alexander Purger

Schon ein Jahr nach ihrem Amtsantritt hat sie zwei tiefkarätige Arbeitsgruppen eingesetzt, und zwar eine für die Steuerreform und eine für die Bildungsreform. Das ist eine sehr gute Idee, denn Arbeitsgruppen sorgen (wie der Name schon sagt) dafür, dass nicht alle arbeiten müssen, sondern immer nur eine Gruppe.

Das sah auch die Regierung Gusenbauer/ Molterer so, die nach dem Wiedererstehen der Großen Koalition Anfang 2007 (eine Sternstunde in der Geschichte Österreichs!) die weltrekordverdächtige Zahl von 50 Kommissionen und Arbeitsgruppen einsetzte. Dieser Schritt - an den heute noch das Kinderlied "Drah Di' net um, die Kommission geht um!" erinnert - erwies sich als derartig unglaublich erfolgreich, dass die Regierung damals schon nach eineinhalb Jahren ihre ganze Arbeit gruppenweise erledigt hatte und mit dem bekannten Satz "Es reicht!" in die Neuwahl gehen konnte.

Alfred Gusenbauer konnte, nachdem politisch ja alles fix und fertig war, das Kanzlersein an den Nagel hängen und sich fortan zunehmend dem Geldverdienen widmen. Und auch Wilhelm Molterer beendete damals seine Tätigkeit als Vizekanzler, weil einfach nichts mehr zu tun war. So erfolgreich können Arbeitsgruppen sein.

In diesem Sinne wollen wir auch den nunmehrigen Arbeitsgruppen der Regierung Faymann/Mitterlehner einen ganz, ganz großartigen Erfolg wünschen. Ehrlich!

Es gibt freilich auch Arbeitsgruppen, die eher auf Dauer angelegt sind. Ältere Semester erinnern sich vielleicht noch an die Debatte über das Staatswappen, die nach dem Zerfall des Ostblocks bei uns ausbrach. Jörg Haider meinte damals, Hammer und Sichel in den Fängen des Bundesadlers seien Symbole des Kommunismus und müssten daher ersetzt werden (vermutlich durch eine Hypo und eine Alpe-Adria).

Die Wappen-Debatte wogte hin und her und ging Kanzler Franz Vranitzky schließlich derart auf die Nerven, dass er sich eines schönen Pressefoyers hinstellte und die mit Spannung erwartete Lösung verkündete: Er gründete eine Arbeitsgruppe!

Alle waren zufrieden, Jörg Haider wendete sich einem anderen Thema zu und von der Arbeitsgruppe, die sich über neue Utensilien für den Bundesvogel den Kopf zerbrechen sollte, wurde - obwohl seither ein Vierteljahrhundert ins behämmerte und besichelte Land gezogen ist - nie wieder etwas gehört. Wie heißt es im Märchen: Wenn sie nicht gestorben ist, tagt sie noch heute.

Aber es ist immer noch besser, eine Arbeitsgruppe tagt ewig, als sie scheitert. Auch dazu ein Beispiel aus dem Reich von Hammer und Sichel. Als Lenin - der Erfinder der 100-prozentigen Vermögenssteuern - im Jahre 1924 verblich, war es natürlich undenkbar, dass so ein großer Mann den Weg alles Irdischen geht. Die Sowjets setzten daher eine Arbeitsgruppe ein, die den schönen Titel "Kommission für die Unsterblichkeit des Gedächtnisses an Lenin" trug und dafür Sorge zu tragen hatte, dass der Verstorbene einbalsamiert und in einem gläsernen Sarkophag an der Kremlmauer ausgestellt wurde.

Und ein materialistisches Wunder geschah: Lenin überdauerte unverändert die Jahrzehnte. Wann immer man ihn ansah, er sah so aus wie am ersten bzw. wie an seinem letzten Tag. Die Arbeitsgruppe hatte offensichtlich ganze Arbeit geleistet.

Erst 1989 stellte sich heraus, dass die Kommission in Wahrheit gescheitert war. Denn Lenin war nicht von allein frisch geblieben, sondern Jahr für Jahr war geheim an seiner Leiche herumgemalt und herumgespachtelt worden, um den Eindruck zu erwecken, der Held lebe sozusagen ewig.

So war das mit der Lenin-Leichen-Arbeitsgruppe. Warum einem diese Geschichte ausgerechnet zu dem Zeitpunkt einfällt, zu dem die Große Koalition mittels Arbeitsgruppen ihre Lebendigkeit zu beweisen versucht? Man weiß es nicht.

Aufgerufen am 19.11.2018 um 01:58 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/lenin-und-die-arbeitsgruppe-3088333

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