Osterhase, Nikolaus und der nächste Wahlkampf

Großgreißler und Parteistrategen treibt die gleiche Sorge an: Keiner will zu spät dran sein.

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Purgertorium Alexander Purger

Wann ist Ostern? Diese scheinbar einfache Frage ist in Wahrheit eine harte Nuss. Lange Zeit bildete die Berechnung des Osterdatums einen eigenen Zweig der Mathematik, der "Computus" genannt wurde. Diese Bezeichnung kommt einem irgendwie bekannt vor, die damit verbundenen Fähigkeiten scheinen aber völlig verloren gegangen zu sein. Anders ist es nicht zu erklären, dass schon jetzt - sieben Wochen vor dem Ostertermin - bunte Osterhasen ihre fürwitzigen Schoko-Ohren aus sämtlichen Supermarktregalen strecken.

Die Wandelbarkeit des Ostertermins scheint die Kaufmannschaft sogar derart zu verwirren, dass manche Supermärkte sicherheitshalber das ganze Jahr hindurch bunte Ostereier feilbieten. Man kann ja nie wissen.

Die österliche Termin-Unsicherheit ist zudem ansteckend. Auch das Nikolaus- und das Weihnachtsfest (an sich gänzlich unbewegliche Feste) sind für die hiesigen Großgreißler nicht mehr klar im Jahreslauf zu verorten. Der Schoko-Nikolo ist hierzulande bereits ab Mitte August, der weihnachtliche Lebkuchen inklusive "Last Christmas"-Beschallung ab Anfang September endemisch.

Auch dem Textilhandel geraten zunehmend die Monate durcheinander. Der Sommerschlussverkauf beginnt jetzt schon im Mai, der Winterschlussverkauf vor Weihnachten. Sommerkleidung wird also im Winter, Winterkleidung im Sommer angeboten. Was dazu führt, dass beim Probieren der Sommergarderobe leichte Erfrierungen, bei der Anprobe der Wintergarderobe schwere Schweißausbrüche einzukalkulieren sind.

Wen wundert es da, dass die grassierende kalendarische Unsicherheit längst auch die Politik erfasst hat? Schon jetzt, 19 Monate vor dem regulären Wahltermin, herrscht erbitterter Wahlkampf. Auch die rituellen Begleit erscheinungen jeder alpenländischen Wahlauseinandersetzung - namentlich die gehäufte Ausstoßung des Wortes "Eurofighter" - haben längst eingesetzt. Dieser Frühstart hat genau den gleichen Grund wie der in den ersten Jännertagen beginnende Osterhasen-Verschleiß: Keiner will zu spät dran sein.

Insofern braucht man keinen "Computus", um zu erahnen, dass bald der Wahlkampf für die Bundespräsidentenwahl 2022 beginnt. Ungemein spannende Fragen stehen wie die Schoko-Nikoläuse im Raum: Wird der Amtsinhaber ein weiteres Mal kandidieren? Entdeckt Norbert Hofer nochmals den schlafenden Bären in sich? Tritt für die ÖVP Reinhold Mitterlehner an oder am Ende doch Sebastian Kurz? Und schickt die SPÖ ihren besten Mann - Werner Faymann - ins Rennen?

Man darf gespannt sein wie die Drähte der Weihnachtsbeleuchtung im Mai.

Aufgerufen am 21.06.2018 um 06:39 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/osterhase-nikolaus-und-der-naechste-wahlkampf-333313

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