Pflicht und Kür oder: Wer braucht eine Opposition?

Ein Regierungsausflug in die Welt des Eislaufs endet mit der Traumnote 11.

Autorenbild
Purgertorium Alexander Purger

Und da sage noch einer, unsere Regierung wäre nicht innovativ. Soeben hat sie einen Sparansatz entwickelt, der einfallsreicher nicht sein könnte: die Abschaffung der Opposition. In einem Budgetdebatte genannten Feldversuch haben die Regierungsparteien eindrucksvoll nachgewiesen, dass sie die Arbeit der Opposition problemlos miterledigen können.

Irgendwelche Qualitätseinbußen waren bei dem Probelauf nicht zu bemerken. Dass die Regierung sich selbst "Reformen im Schlafwagentempo" bescheinigte, hätte auch ein Oppositionschef nicht besser sagen können. Und dass Bundes- wie auch Vizekanzler freimütig erklärten, ihr Budgetentwurf stelle "nicht einmal die Pflicht und schon gar nicht die Kür" dar, nahm jeglichem Kontraredner das Wort aus dem Munde. Wozu sollte man da noch Oppositionsparteien brauchen?

Bemerkenswert ist auch die Verwendung des aus dem Eiskunstlauf stammenden Bildes von Pflicht und Kür. Dies waren bis 1991 (derart auf der Höhe der Zeit ist unsere Regierung!) die beiden Teile des Eiskunstlaufbewerbs. Die Kür ermöglichte dem Läufer die Entfaltung seiner sportlichen und künstlerischen Fähigkeiten. Davor musste er die Pflicht, das genaue Nachfahren vorgegebener Figuren auf dem Eis, absolvieren. Damit wurde die Beherrschung der grundlegenden Fertigkeiten überprüft.

SPÖ und ÖVP haben sich mit ihrer Äußerung also selbst bescheinigt, nicht einmal die grundlegenden Fertigkeiten des Regierens - das langweilige Fahren von Achtern und Schleifchen auf dem Eis der Innenpolitik - zu beherrschen. Dieses Ausmaß an Selbsterkenntnis ist erstaunlich, was sich insofern gut trifft, als die Höchstnote 10 in der heutigen Eiskunstlaufbewertung genau das aussagt: "erstaunlich". Die niedrigste Note ist übrigens 1 und bedeutet "heillos". Unsere Regierung verdient somit die Traumnote 11: "erstaunlich heillos".

Apropos Eiskunstlauf. Wussten Sie, dass Österreich in dieser Disziplin einst eine Weltmacht war? In den 20er- und 30er-Jahren gingen nahezu sämtliche Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften an Österreich. Der Grund: Die Österreicher konnten wesentlich mehr trainieren als alle anderen, da in Wien kurz davor die Kunsteisbahn erfunden worden war, die auch bei Plusgraden schönes Eis bot. Eine Innovation, die sich unglaublich lohnte.

Eislaufen wurde damals überhaupt der letzte Schrei. Selbst der Komponist Richard Strauss war ein begeisterter Eisläufer. Auch rodeln ging er gern. Skifahren erklärte er hingegen zu einer "Beschäftigung für norwegische Landbriefträger". Womit ganz nebenbei endlich auch das Geheimnis des Berufs von Aksel Lund Svindal gelüftet wäre.

Aufgerufen am 18.11.2018 um 01:37 auf https://www.sn.at/kolumne/purgertorium/pflicht-und-kuer-oder-wer-braucht-eine-opposition-965242

Schlagzeilen