Der leuchtende Ersatzdorfplatz

Überraschende Erkenntnis bei einer Fahrt durch das winterliche Hinterland.

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Querschläger Fritz Messner

Neulich führten mich meine verschlungenen Wege als fahrender Bänkelsänger ins Hinterland, fernab von Ballungs- und Tourismuszentren. Die Nachmittagssonne war schon versunken, als ich mich entschloss, einen Imbiss zu mir zu nehmen, und ein paar Artikel des täglichen Bedarfs zu erwerben.

Zu diesem Behufe lenkte ich mein Gefährt in das nächste Dorf, musste aber bald feststellen, dass fast die gesamte Ansiedlung im Dunkeln lag, nur aus wenigen Häusern drang ein matter Lichtschein. Selbst der Dorfplatz war nur spärlich beleuchtet, gerade genug, um sehen zu können, welche Funktionen die einzelnen Häuser, deren Türen nun fest verschlossen waren, einmal gehabt haben mussten: Gasthäuser, Geschäfte, Bäckerei, Metzgerei, Postamt, Polizei (oder noch Gendarmerie?), Pfarrhof. Enttäuscht fuhr ich wieder in Richtung Bundesstraße, als ich am anderen Ende des Orts ein buntes Leuchten bemerkte. Ich hielt darauf zu, erreichte nach kurzer Zeit eine Tankstelle und beschloss, dort mein Glück zu versuchen. Als ich durch die automatische Schiebetür in den sogenannten Minishop trat, schaute mir das halbe Dorf entgegen - und mir wurde schlagartig klar, dass sich fast das gesamte Dorfleben in diesen kleinen, beleuchteten Multifunktionswürfel an der Ortseinfahrt verlagert haben musste: Getränkeshop, Imbiss, Postpartner, Sozialzentrum , und, und, und.

"Aba am Wochenend", sagte mir ein darauf angesprochener Dorfbewohner bei einer Pizzaschnitte und einer Dose Heineken, da wäre im Dorf schon manchmal was los, da käme der Pfarrer vorbei und da rückte die Musi aus und dann würden die traditionellen Feste gefeiert, "weil's wichtig is, dass de alt'n Bräuch nicht abkemman." So wird es wohl sein.

Aufgerufen am 20.09.2018 um 02:45 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/der-leuchtende-ersatzdorfplatz-316504

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