Der Neidhammelreflex

Ein Verhaltensmuster, das uns leicht manipulierbar und extrem uneffektiv macht.

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Querschläger Fritz Messner

Der Jahresanfang ist traditionell mit den guten Vorsätzen der üblichen Themenpalette gepflastert, ich spare mir die Aufzählung. Aber vielleicht könnte man darüber hinaus einmal verschiedene menschliche Verhaltensweisen überdenken, die, wahrscheinlich noch als evolutionäre Reste, tief in uns stecken, mittlerweile aber höchst kontraproduktiv sind. Destruktiver Neid ist so ein Verhaltensmuster.

In einem Versuch wurden Personen vor folgende Wahl gestellt: Sie bekämen entweder 600 Euro bar auf die Hand und ihr Nachbar bekäme 700 Euro, oder sie bekämen 500 Euro und ihr Nachbar 400. Die Mehrheit der Versuchspersonen wählte die 500 Euro. Das heißt also, der Neid in den meisten von uns ist sogar noch stärker als der Egoismus - eine überraschende Erkenntnis, die aber auch erklärt, warum viele Menschen bereit sind, selbst empfindliche Nachteile zu akzeptieren, nur weil die Nachteile für andere Gruppen noch größer sind. Aktuelle Beispiele dafür - aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik - fallen Ihnen jetzt sicher selbst ein.

Nun ist man versucht zu sagen, dass der Mensch halt so ist und man da nichts ändern kann. Das stimmt nicht, denn es haben sich im Laufe der Evolution auch gegenteilige Muster in uns entwickelt. Man stelle sich vor, die beiden Nachbarn verständigten sich, die Sache gemeinsam durchzuziehen, nähmen die 1300 Euro und teilten diese.

Dieses Muster, nämlich einen Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen zu finden, nennt man solidarisch und es ist unabdingbare Grundlage dafür, Probleme in einer Welt friedlich und dauerhaft zu lösen, in der alles zusammenhängt, von der Gemeindepolitik bis zu globalen Überlebensfragen. Aber Neidhammeln ist natürlich einfacher.

Aufgerufen am 10.12.2019 um 03:06 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/der-neidhammelreflex-63420424

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