Ein Brief vom Christkind

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Querschläger Fritz Messner

Liebe Kinder,

neulich wurde ich gefragt, was ich euch schenken würde, wenn ich das selbst bestimmen könnte.

Ganz einfach, ich würde euch zuallererst einmal Zeit schenken, auch Schulzeit. In einer Gesellschaft, in der einerseits immer umfangreicheres Wissen erworben werden muss, und in der andererseits die Menschen immer älter werden, wäre es doch nur logisch, die Zeit des Lernens um ein, zwei Jahre zu verlängern. Das würde Druck wegnehmen, Platz für mehr Sport, Musik, Kreativität und Experimente schaffen, und so die Freude am Lernen wieder zurückbringen.

Dann würde ich mir die komischen Tests schenken, mit denen ihr regelmäßig gePISAckt werdet, weil manche Erbsenzähler glauben, die Qualität von komplexen menschlichen Fähigkeiten quantifizieren, also messen zu können, was absurd ist. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen und es stellt sich die Frage, ob man sich die meisten Experten, die sich an das Bildungssystem angesaugt haben, nicht auch gleich schenken sollte.

Aber freut euch nicht zu früh, denn ich würde euch noch etwas schenken, nämlich klare Grenzen und Eigenverantwortung. Zurzeit ist es ja so, dass alle und alles - Lehrer, Umfeld, Eltern, Schulsystem, Sonne, Mond und Sterne - schuld sind, wenn es Probleme gibt - nur ihr seid niemals selbst dafür verantwortlich. Das ist gut gemeint, prägt aber ein falsches Selbstbild und nimmt euch die Chance, aus Fehlern zu lernen.

Und zu guter Letzt würde ich euch statt der schwammigen Kompetenzen wieder ganz konkrete Fähigkeiten schenken: vor allem Schreiben, Lesen und Rechnen als Grundlage für erfolgreiche Bildung und Lebensgestaltung. Aber ich bin ja nur das Christkind - und neue Handys und Klamotten sind ja auch super.


Aufgerufen am 19.11.2018 um 06:42 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/ein-brief-vom-christkind-588325

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