Zwischen Ernsting und Witzling

Über die Kulturtechnik des Grantelns und die Philosophie von Ortsnamen.

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Querschläger Fritz Messner

Unlängst hat eine internationale Studie den Österreichern bescheinigt, sie seien die zweitunfreundlichsten Europäer. Zuerst habe ich mich ziemlich darüber geärgert, denn wenn schon, hätte ich gerne gewonnen. Dann habe ich mir gedacht, dass da wahrscheinlich die ausgefeilte alpenländische Kulturtechnik des Grantelns mit Unfreundlichkeit verwechselt wurde. Und mir persönlich ist ein ehrlicher Grantler als Gegenüber unendlich lieber als einer, der mich mit seiner aufgesetzten Scheißfreundlichkeit von oben bis unten zukleistert. Aber wie schaut es wirklich aus?

Ich bin heuer in einem "Sommer auf Rädern" fast zweitausend Kilometer durch Österreich und das angrenzende Ausland geradelt, kreuz und quer zwischen Südtirol, Semmering, Bayern und Friaul, hab aber überall fast nur nette und freundliche Menschen angetroffen - und ein paar Ausnahmedeppen zum Bestätigen der Regel. Natürlich, je touristischer eine Gegend ist, desto professioneller ist die Freundlichkeit, das ist "part of the game".

Eine Region ist aber herausgestochen, nämlich das südöstliche Innviertel. Dort, rund um das Ibmer Moor und den Weilharter Forst, wurde dem Nebenstraßenradler fast von jedem Einheimischen ein freundliches und von einem breiten Lächeln flankiertes "Griaß di" geschenkt, egal ob von spielenden Kindern, ban kerlsitzenden Altbauern, gartelnden Hausfrauen oder im schwarzen Audi chillenden Kapperlträgern. Vielleicht liegt das ja daran, dass die Innviertler pure Lebensphilosophie in ihre Ortsnamen verpackt haben. Von Ernsting bis Witzling sind es zum Beispiel genau 4,1 Kilometer - und wenn einem von klein auf klar ist, wie nahe das beisammen liegt, ist man halt wahrscheinlich einfach entspannter.

Aufgerufen am 23.09.2020 um 06:34 auf https://www.sn.at/kolumne/querschlaeger/zwischen-ernsting-und-witzling-17404654

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