Eine Branche zerstört sich selbst

Die Großbanken reden viel vom Wandel - und machen genau das Gegenteil.

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Soll und Haben Richard Wiens

3,4 Milliarden Dollar sind unvorstellbar viel Geld. Aber sie sind nichts gegen den riesigen Schaden, den die Devisenhändler von nun sechs verurteilten internationalen Großbanken mit ihren Manipulationen des Devisenmarkts angerichtet haben. Auf dem Markt für Währungen werden Transaktionen im Wert von mehr als fünf Billionen Dollar pro Tag getätigt. Die Strafe macht also nicht einmal ein Tausendstel des täglichen Umsatzes aus. Da verlieren die 3,4 Mrd. Dollar ihren Schrecken. Denn gemessen daran, dass die Banken die Kurse wichtiger Währungen über Jahre manipulierten und damit hohe Gewinne lukrierten, war es für sie ein gutes Geschäft. Was da ablief, war Betrug im ganz großen Stil.

Die Gewinne wiederum waren in den meisten Fällen die Basis für die Bonuszahlungen in Millionenhöhe, die die Devisenhändler in Einkommenshöhen katapultierten, von denen sogar die ebenfalls fürstlich entlohnten Vorstandschefs nur träumen konnten. Ach ja, die Chefs der großen Banken. Was ist von ihrem Image der mächtigen und geachteten Herren des Geldes geblieben? Nur mehr der Eindruck, dass sie zwar vorgeben, den Laden im Griff zu haben, aber keinen Schimmer haben, was in ihren Banken tatsächlich abläuft. Seit Ausbruch der Finanzkrise ziehen sie wie Prediger durch die Welt und werden nicht müde, den Menschen zu erklären, dass die Branche im Allgemeinen und ihre Bank im Besonderen sich völlig ändern müsse und es auch tue.

Das Gegenteil ist der Fall. Viele Banken ändern sich nicht, denn die Herren an der Spitze sind offenbar nicht fähig, das Ruder herumzureißen und Mitarbeiter, die zwischen Gut und Böse nicht mehr unterscheiden können oder wollen, aus dem Verkehr zu ziehen. Das ist schlimm genug. Noch schlimmer wäre, wenn die Bankchefs nicht willens wären, die Notbremse zu ziehen, wenn sie das verwerfliche Tun der Händler zwar öffentlich geißelten, aber stillschweigend duldeten. Jedenfalls ist es kurzsichtig, denn der so erzielte Gewinn steht in keinem Verhältnis zum Kollateralschaden.

Die Händler betrachteten ihre Betrügereien offenbar als Spiel, und gossen damit Wasser auf die Mühlen derer, die die globale Finanzbranche mit einem Casino vergleichen. In den Chatrooms, in denen sie sich zum eigenen Vorteil und zum Nachteil von Millionen Kunden auf der Welt absprachen, nannten sie sich "A-Team", "Die Spieler" und "Die drei Musketiere", deren bekannten Schwur "Einer für alle, alle für einen" sie in krimineller Weise pervertierten. Wenn jetzt nicht bald "Rien ne va plus" gerufen und dem bösen Spiel ein Ende gesetzt wird, darf es nicht verwundern, dass die Bevölkerung den Spruch der Musketiere adaptiert und fälschlicherweise alle Banken in einen Topf wirft: "Eine wie alle, alle wie eine."

Die Großbanken verdienen zwar wieder prächtig, aber in ihrem Inneren tun sich moralische Abgründe auf. Mit Marktwirtschaft hat das nichts zu tun, sie hebeln den Markt aus, zum Nachteil aller. Das kann man nicht dulden, Praktiken wie auf dem Devisenmarkt muss man abstellen, mit allen Mitteln des Rechtsstaates. Und man darf künftig keinen Cent in die Hand nehmen, um solche Banken zu retten, sondern muss dafür sorgen, dass sie vom Markt verschwinden. Je früher, desto besser.



Aufgerufen am 29.10.2020 um 02:54 auf https://www.sn.at/kolumne/soll-und-haben/eine-branche-zerstoert-sich-selbst-3002614

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