Literatur

Versendaal, Borchers und Opoczynski: Die SN-Buchtipps

Kulturjournalist Anton Thuswaldner hat für die SN-Leser wieder seine Buchtipps der Woche zusammengestellt.

 SN/apa

Dirk van Versendaal: Nyx. Roman. Geb., 547 S. Rowohlt, Reinbek.

Der Roman spielt in einer nahen Zukunft. Auf dem Meer, weit weg von Kontrolle und Aufsicht von Instanzen, die nach Recht und Ordnung sehen, bewegt sich eine gewaltige Fähre durch Raum und Zeit. Hier werden alte, pflegebedürftige Menschen ausgelagert, wo sie die Gesellschaft nicht weiter behelligen. Was hier geschieht, bleibt den Menschen auf dem Festland verborgen. Keine guten Aussichten für jene, die es auf dieses Schiff verschlagen hat. Das bemerkt die junge Ärztin Polly Sutter rasch, als sie dort ihren Dienst antreten soll. Es wird gestorben auf rätselhafte Weise, mit rechten Dingen geht es hier nicht zu. Polly braucht Verbündete, um sich auf diesem unübersichtlichen Gelände zurechtzufinden, um vielleicht den unerklärlichen und grausamen Vorgängen Widerstand entgegensetzen zu können. Dirk van Versendaal arbeitet als Journalist, in seinen Roman gehen Erfahrungen, die er während seiner Recherchen gewonnen hat, ein und spitzen ihn zu. Ein beklemmendes Bild von unserer Gegenwart, in der der Wert des Menschen geringer zu werden droht.

Elisabeth Borchers: Nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Ein Fragment. Hg. und mit einem Nachwort von Martin Lüdke. Geb., 171 S. weissbooks, Frankfurt am Main 2018.

Die Rolle von Elisabeth Borchers (1926-2013) im deutschen Literaturbetrieb ist kaum zu überschätzen. Sie hat nicht nur herausragende Lyrikbände veröffentlicht ("Wer lebt", 1986, "Von der Grammatik des heutigen Tages", 1992), sie hat sich auch als Lektorin im Suhrkamp Verlag verdient gemacht, indem sie so große Figuren wie Günter Eich oder Marie Luise Kaschnitz betreute. Natürlich hat sie, zumal sie eine aufgeweckte Persönlichkeit bis zum Schluss blieb, etwas zu erzählen. Erfreulich, dass uns ihre Aufzeichnungen aus den letzten Jahren zugänglich gemacht wurden. Wir sehen eine Frau, die sich mit den Vorgängen ihrer Zeit beschäftigt, deren Denken tief in der Literatur verwurzelt ist und Auskunft erteilt über bedeutende Gestalten wie den Literaturwissenschafter Hans Mayer oder den Schriftsteller Martin Walser. Zunehmend aber öffnet sich die Lektüre in das private Reich einer Dame, die empfänglich ist für Sehnsucht, Liebe und Hoffnung.

Christian Moser-Sollmann: Tito, die Piaffe und das Einhorn. Geb., 285 S. Dachbuch, Wien.

Mit dem jugoslawischen Staatsmann Tito hat die Hauptfigur dieses Romans nichts zu tun, viel zu unernst, raunzerisch und pöbelhaft betreibt der nicht mehr ganz junge Held sein Geschäft, das ganz der Politik gewidmet ist. Tito steht nicht im Vordergrund, als Politikberater kann er es sich leisten, aufmüpfig zu bleiben, sich nicht anzupassen, große Töne zu spucken, ohne ein Risiko einzugehen. Er ist unzufrieden mit seinem Österreich, regt sich auf über den Stillstand der Stadtpolitik in Wien, kann dem kulturellen Leben wenig abgewinnen. Er ist der Typus des notorischen Grantlers, der bindungsfrei lebt, keine Verantwortung trägt und seine Freiheit genießt. Im Umgang mit Frauen gibt er sich großsprecherisch und abgeklärt, bis es ihn doch einmal erwischt. Bis zur Wehrlosigkeit ist er fasziniert von Ulrike, die in ihm mehr sieht als ein rasches Abenteuer. Tito hat dem wenig entgegenzusetzen, und so beginnt eine merkwürdige Liebesgeschichte, die sehr salopp in einem Gedankenstrom erzählt wird.

Franziska Gehm & Horst Klein: Hübendrüben. Als deine Eltern noch klein und Deutschland noch zwei waren. Geb., 32 S. Klett Kinderbuch, Leipzig 2018.

Franziska Gehm war 15, Horst Klein 24 Jahre alt, als die Berliner Mauer fiel. Sie wuchs in der DDR, er in der BRD heran. Sie waren vollkommen unterschiedlichen Erziehungsmodellen unterworfen. In einem Buch für Kinder ab 7 Jahren machen sie das zum Thema. Gehm schreibt, Klein illustriert, und so haben wir ein Geschichtsbuch vor uns, das kurzweiliger kaum zu denken ist. Natürlich sind Kinder für Geschichte zu haben, sie muss nur entsprechend aufbereitet werden. Es besteht Handlungsbedarf, die Jungen an Geschichte heranzuführen, sonst droht eine Geschichtsvergessenheit, die politisch katastrophale Auswirkungen hat. Am Beispiel von Max (er lebt in der BRD) und Maja (sie wohnt in der DDR) wird anschaulich gemacht, was es bedeutet, unter ganz bestimmten gesellschaftlichen Voraussetzungen heranzuwachsen. Das Privatleben ist eben nie rein privat, es hängt vom Spielraum und den Möglichkeiten ab, die uns ein Staat zugesteht.

Michael Opoczynski: Schmerzensgeld. Kriminalroman. Geb., 288 S. Benevento, Salzburg 2018.

Kriminalromane sind deshalb so erfolgreich, weil sie Gerechtigkeit in eine Welt bringen, die von Grund auf verdorben ist. Wenn wir Tag für Tag aus den Nachrichten mitbekommen, wie sich Reiche noch mehr bereichern auf Kosten von jenen, die sich an Gesetze halten und regelmäßig ihre Steuern abliefern, tut ein Buch gut, das eine Gruppe von Menschen zeigt, die zurückschlägt. Es handelt sich um einfache Bürger mit besonderen Fähigkeiten, die dort eingesetzt werden, wo die Polizei kapitulieren muss. Gewiss handeln sie nicht streng nach den Regeln des Gesetzes, wenn sie im Haus eines Bankers auftauchen, der seine Kunden mutwillig geprellt hat und die Früchte seines Betrugs genießt. Die Gruppe nennt sich "Gesellschaft für unkonventionelle Maßnahmen" und reagiert auf verbrecherische Taten mit Methoden, die Tätern das Fürchten lehren können. Das ist gelungene Unterhaltung, schlau ausgedacht und wird dem Wunsch des Lesers nach Gerechtigkeit gerecht.

Celeste Ng: Kleine Feuer überall. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Brigitte Jakobeit. Geb., 384 S. dtv, München 2018.

Das Sicherheitsdenken hat absolute Priorität im Leben von Elena Richardson, die mit ihrer Familie eine Musterexistenz führt, vorbildlich in allen Belangen mit einem streng strukturierten Plan, nach dem sich jeder zu verhalten hat. Abweichung bringt Verunsicherung, deshalb soll Unwägbarkeiten kein Platz eingeräumt werden. Das stellen sich die Leute in Celeste Ngs neuem Roman so vor, haben aber die Rechnung ohne die Ereignisse gemacht, die in ein gewöhnliches Leben hereinbrechen können. Selbst in einer wohlgeordneten Kleinstadt, in der Zufälle eigentlich nicht vorgesehen sind, stellt sich das Unerwartete ein, das die Menschen gehörig durchrüttelt. In diesem Fall kommt das Rätselhafte, vollkommen Unerwünschte in Gestalt einer jungen Künstlerin und deren Tochter daher. Die beiden bekommen Quartier bei den Richardsons. Was als gute Geste gedacht ist, wendet sich bald gegen die Wohltäter, die über die Gegenwart der beiden unliebsame Bekanntschaft mit ihren eigenen verborgenen Geheimnissen und Sehnsüchten machen müssen. Das Ende der heilen Welt kommt auf zarten Füßen, die Welt hat sich danach tatsächlich grundlegend verändert.

Quelle: SN

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