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Impfgremium empfiehlt Biontech/Pfizer für Jugendliche - Faßmann will an Schulen impfen

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hat am Freitag den Weg zur Corona-Schutzimpfung für bis zu 340.035 Kinder und Jugendliche in Österreich geebnet. Kurze Zeit später sprach sich auch das Nationale Impfgremium in Österreich für die Impfung von Jugendlichen ab 12 Jahren aus. Bildungsminister Faßmann plant für Herbst Impfaktionen an den Schulen.

Werden bald auch Jugendlich gegen Corona geimpft? SN/stock.adobe.com/yashvi
Werden bald auch Jugendlich gegen Corona geimpft?

Es kam wenig überraschend: Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hat Freitagnachmittag grünes Licht gegeben für die Zulassung des Coronaimpfstoffs der Hersteller Biontech/Pfizer für Kinder ab zwölf Jahren. Marco Cavaleri, Direktor für Impfstrategie bei der EMA, sagte, die jüngsten Daten zum Impfstoff hätten gezeigt, dass er auch in dieser Altersgruppe wirksam und sicher sei. Empfohlen werden wie bei Erwachsenen zwei Dosen im Abstand von etwa drei Wochen. "Der Impfstoff wird ein weiterer Baustein im Kampf gegen die Pandemie sein", sagt er. Es werde wie bei allen anderen Impfstoffen weiterhin eine kontinuierliche Überwachung geben.

Den jeweiligen nationalen Impfgremien in Europa ist nun die Entscheidung überlassen, ob und wie der Impfstoff bei Kindern und Jugendlichen von zwölf bis fünfzehn Jahren angewendet werden soll.

Österreichisches Impfgremium folgt der EMA

In Österreich hatte Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) am Freitag bereits vor der Entscheidung der EMA angekündigt, dass im Falle einer Zulassung bis zum Ende des Sommers Minderjährige damit geimpft werden sollen. Am späten Freitagabend ist das österreichische Nationale Impfgremium (NIG) der EMA gefolgt: Die Impfung wird in Österreich bei den Zwölf- bis 15-Jährigen gemäß der Priorisierungsliste des NIG empfohlen, hieß es in der vom Gesundheitsministerium übermittelten Stellungnahme des NIG.

Kinder werden laut der Stellungnahme entsprechend der Risikogruppen-Auflistung priorisiert, gesunde Kinder "absteigend nach Alter", heißt es in der Stellungnahme des NIG. "Bis Covid-19-Impfungen für jüngere Kinder mit erhöhtem Krankheitsrisiko zur Verfügung stehen, muss dem Schutz des Umfelds besonders hohe Wichtigkeit und Vorrang hinsichtlich einer Covid-19-Impfung eingeräumt werden", betonte das NIG. Allerdings: Die Impfstoffe von AstraZeneca, Moderna und Johnson & Johnson sind derzeit für Personen unter 18 Jahren noch nicht zugelassen. Die Empfehlung von EMA wie NIG bezieht sich also auf Biontech/Pfizer.

Ab Herbst wird auch an den Schulen geimpft

Bildungsminister Heinz Faßmann zeigte sich über die Zulassung für 12- bis 18-Jährige erfreut und empfiehlt jedenfalls eine Impfung, weil sie dauerhaften Präsenzunterricht ermögliche. Die Impfung soll in den kommenden Wochen über die Impfaktionen der Bundesländer angeboten und in den Impfstraßen oder bei Ärzten erhältlich sein. "Für alle, die im Sommer keine Möglichkeit haben werden, sich impfen zu lassen, bereiten wir gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium Impfaktionen an den Schulen ab dem Schulbeginn vor", betonte Faßmann. Größere Schulen würden zu Impfzentren, in denen sich auch Schüler aus dem Umkreis impfen lassen können. Zusätzlich würden mobile Teams unterwegs sein, die kleinere Schulen anfahren und die Impfung vor Ort durchführen.

Deutsche Impfkommission gibt sich vorsichtig

In Deutschland hat sich - wie berichtet - die Ständige Impfkommission vorerst vorsichtig geäußert. Eine allgemeine Impfempfehlung der STIKO für Kinder und Jugendliche halte er für unwahrscheinlich, sagte Kommissionsmitglied Rüdiger von Kries. Kinderimpfungen mache man nur, damit die Kinder davon profitieren könnten, damit den Kindern schwere Krankheiten erspart blieben, sagte von Kries. Bei Kindern sind allerdings, das haben Daten bis jetzt gezeigt, schwere Verläufe bei Covid-19 sehr selten. Andere Experten sind der Ansicht - so auch in Österreich -, dass in der Gruppe der Kinder das Virus weiterhin zirkuliere, dort mutieren und Probleme für die Gesamtbevölkerung machen könne. Deshalb sei es wichtig, auch die Kinder zu impfen.

In den USA, wo der Impfstoff von Biontech/Pfizer für Kinder und Jugendliche ab einem Alter von zwölf Jahren bereits vorläufig zugelassen ist, soll es Fälle von Herzmuskelentzündungen bei Jugendlichen gegeben haben. Auch Israel meldete das. Marco Cavaleri sagte dazu am Freitag, es seien vor allem junge Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren betroffen gewesen. Doch die Anzahl der Betroffenen lasse nicht darauf schließen, dass es mehr Fälle seien, als üblicherweise in einer Bevölkerung vorkämen. Das werde aber weiter genau beobachtet.

Bei mehr als 1000 Kindern kein Coronafall aufgetreten

In der Studie, die Pfizer vorlegte, trat demnach bei mehr als 1000 geimpften Kindern und Jugendlichen kein Covid-19-Fall auf - in der etwa gleich großen, ungeimpften Kontrollgruppe waren es 16. Nach der Impfung sei es überwiegend zu leichten Impfreaktionen wie Müdigkeit oder Kopfschmerzen gekommen, schreiben die Wissenschafter im "New England Journal of Medicine".

Nach der erwarteten EMA-Zulassung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer für Zwölf- bis Fünfzehnjährige erhöht sich die "impfbare Bevölkerung" hierzulande auf 7,9 Millionen. Für über eine Million Kinder gibt es aber vorerst weiterhin keinen Impfstoff.

Eine Handvoll taucht im Impfregister indessen schon als coronageschützt auf: In der Altersstatistik des elektronischen Impfpasses scheinen 169 Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren als zumindest mit einer Dosis geimpft auf. Die Sozialversicherung geht jedoch davon aus, dass es sich dabei um fehlerhafte Einträge handelt, wie eine Sprecherin sagte. So könnte etwa die Sozialversicherungsnummer bei mehr als 100-Jährigen dem falschen Jahrhundert zugeordnet worden sein oder ein anderer Dateneingabefehler vorliegen.

Der Stand in der Impfstoffentwicklung

Biontech/Pfizer ist der erste Hersteller mit einer Corona-Schutzimpfung für Kinder und Jugendliche in der EU. Moderna will die Zulassung ab zwölf Jahren voraussichtlich im Juni beantragen. Beide Hersteller führen auch Studien mit jüngeren Kindern durch.

AstraZeneca und die Universität Oxford haben eine Studie bei Kindern und Jugendlichen zwischen sechs und siebzehn Jahren für ihren gemeinsamen Impfstoff initiiert. Der Pharmakonzern Johnson & Johnson ist mit einer Studie bei Jugendlichen zwischen zwölf und siebzehn im Planungsstadium.

Wie sich die Zulassung auf die Impfkampagne auswirkt

Ab wann genau Kinder in Österreich geimpft werden könnten, ist noch nicht klar. Salzburg etwa ist vorgeprescht und hat angekündigt, die Anmeldung für 12- bis 20-Jährige ab 1. Juni zu öffnen - und diese ab Juli auch zu impfen.

Die zusätzlich maximal 340.035 jugendlichen Impflinge sollten das Impftempo in Österreich zumindest nicht drastisch verlangsamen, denn allein in der Vorwoche wurden etwas mehr als 350.000 Erstimpfungen durchgeführt. Insgesamt waren mit Stand Mittwoch 3,4 Millionen Menschen in Österreich geimpft (38,6 Prozent der Bevölkerung zum 1. Jänner 2021), davon 1,3 Millionen voll immunisiert (15 Prozent der Einwohner).

Am höchsten ist die Durchimpfung bei den 75- bis 84-Jährigen mit fast 80 Prozent, am geringsten bei den 16- bis 24-Jährigen mit knapp 18 Prozent. Die Bundesregierung hat angekündigt, bis Ende Juni alle Menschen in Österreich, die das wollen, zumindest mit der ersten Impfung zu versorgen. Sollten sich 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung impfen lassen wollen, wären also noch knapp 2,1 bis 2,9 Millionen Erstimpfungen ausständig.

Aufgerufen am 18.09.2021 um 05:28 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/impfgremium-empfiehlt-biontech-pfizer-fuer-jugendliche-fassmann-will-an-schulen-impfen-104415778

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