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Wie wir Krisen überwinden können

Die mentalen Folgen der Coronakrise zeigen sich offenbar erst mit Verspätung. Doch es gibt Auswege. Selbst die Schockstarre kann helfen.

Finanzielle Sorgen, Druck im Beruf und Brüche in Beziehungen können zu latentem Stress führen. SN/pixabay
Finanzielle Sorgen, Druck im Beruf und Brüche in Beziehungen können zu latentem Stress führen.

Lockdown, soziale Isolation, ein drastischer Wirtschaftseinbruch - und das alles innerhalb weniger Wochen. Eigentlich verbietet sich die Frage beinahe, welche Phase 2020 die bislang schwierigste war. Doch offenbar fängt für manche die Krise erst jetzt richtig an.

"Wir haben uns schon im März darauf eingestellt, dass die Zahlen nach oben gehen. Das war aber nicht der Fall", sagt Josef Demitsch, Leiter der Krisenintervention Pro Mente Salzburg - eine jener Anlaufstellen, an die sich Salzburger bei Ausweglosigkeiten ambulant wie telefonisch wenden können. "Die Kontakte nehmen erst jetzt stetig zu." Im August dieses Jahres habe es grob 1000 Anfragen gegeben, im August 2019 waren es noch 780 - ein Plus von rund 28 Prozent.

Augenscheinlich hat die Coronakrise antizyklische psychologische Folgen. Demitsch spricht von einem "latenten Stress", der sich irgendwann bemerkbar macht. "Dazu gehören Sorgen im Beruf, der finanzielle Druck und vielleicht auch nun erst erkennbare zwischenmenschliche Bruchstellen." Vor allem jene, die psychisch vorbelastet sind, würden durch die Krise auf noch wackeligeren Beinen stehen. Rein der Lockdown habe für manche Betroffene aber gar positive Auswirkungen gehabt. "Da war etwa der soziale Druck geringer. Da alle anderen auch nichts machen konnten."

Welch fatale Folgen die Coronakrise haben kann, zeigen aktuelle Zahlen aus Italien: Seit März habe es 71 Suizide sowie 46 Versuche gegeben, die allesamt direkt oder indirekt mit dem Covid-19-Dilemma zusammenhängen sollen. Besonders gefährdet seien Männer. Und dazu noch jene, die positiv auf das Virus getestet wurden oder mit diesem aktiv zu kämpfen hatten, also zum Beispiel das Gesundheitspersonal.

Bild: SN/privat
Wenn jemand anruft, gibt er sich und uns noch eine Chance.
Josef Demitsch, Leiter der Krisenintervention Pro Mente Salzburg

Von den positiven Effekten zu Anfang der Krise - etwa dem Willen, sich zurückzunehmen - sei indes wenig übrig, ergänzt Demitsch. "Von diesem Geist merke ich nichts mehr." Deshalb geht er davon aus, dass die Anfragen bei Pro Mente bis Jahresende im Vergleich zu 2019 um rund 15 Prozent steigen.

Umso mehr stellt sich die Frage, wie wir es schaffen, Krisen zu bekämpfen. Die Salzburger Psychotherapeutin Elisabeth Oedl-Kletter zieht eine Analogie zwischen dem Immunsystem unseres Körpers und jenem unserer Seele. "Unser körperliches Immunsystem dient als Abwehr von Gefahren und kompensiert jene Gefahren, die bereits eingetreten sind." Die äußerste körperliche Schutzschicht sei die Haut - bei unserem mentalen Immunsystem seien es Grenzen, die wir wahren sollten. "Zum Beispiel die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit oder meiner Toleranz gegenüber Sachen, die mich nicht freuen."

Sollten diese Barrieren durchbrochen werden, gebe es im Grunde drei Möglichkeiten, die unser vegetatives Nervensystem hat, um mit belastenden Situationen umzugehen. Zum einen spiele der Aspekt Gemeinschaft eine wesentliche Rolle, das soziale Umfeld könne also helfen. Schützt uns die Gemeinschaft nicht ausreichend, komme es zu Flucht- wie Kampfmechanismen. "Und wenn es ganz eng wird, setzt die Schreckstarre ein."

Bild: SN/privat/thomas kirchmaier
Fast niemand will sein ganzes Leben nicht mehr haben. Es geht meist um einen bestimmten Schmerz.
Elisabeth Oedl-Kletter, Ärztin für Allgemeinmedizin und psychotherapeutische Medizin sowie Psychotherapeutin

Der Ratschlag der Expertin: Man solle alle drei Ausprägungen nutzen bzw. als lebensrettende Ressourcen akzeptieren - auch die Schockstarre. Denn diese sei mit einem Energiesparmodus vergleichbar, sagt Oedl-Kletter. "Wenn wir merken, dass wir die Bedrohung nicht bekämpfen können, ziehen wir uns zurück." Freilich sei dieser Energiesparmodus nicht für den Dauerbetrieb gedacht. Aber temporär habe er eine heilende Wirkung - auch sozial bedingt. Wenn einem etwa sein Partner so viel Ruhe gebe, dass man einfach neben ihm einschlafen könne, sei das bereits wertvoll.

Kontraproduktiv sei indes, wenn man die Symptome bekämpfe: Signalisiere einem der Körper, dass man den Energiesparmodus brauche, solle man nicht versuchen, den Akku krampfhaft hochzufahren. Wer das dennoch mache, lande erst recht in einer Krise. Deshalb solle auch das Umfeld nicht versuchen, Betroffene gegen ihren Willen zu Aktivitäten zu verleiten. Viel wichtiger sei, ehrlich wie authentisch Sorge zu äußern und "nachzufragen, was denn das Leben verlockender machen könnte". Denn im Kern gehe es meistens um einen singulären Krisenherd. Auch bei jenen, die suizidale Gedanken haben: "Fast niemand will sein ganzes Leben nicht mehr haben. Es geht meist um einen bestimmten Schmerz."

Dieser soziale Zuspruch solle in jedem Fall persönlich erfolgen - und nicht via Videochat. "Für solch virtuelle Kontakte ist unser Organismus nicht wirklich ausgestattet." Es fehle das Haptische, die Körperwärme, der Geruch.

Der Krise selbst vorbeugen könne man, wenn man gewissen Grundsätzen folge, ergänzt Pro-Mente-Leiter Demitsch. Dazu gehörten etwa Schlaf, vernünftige Ernährung und sich kreativ auszuleben. Anzeichen, dass sich eine Krise anbahnt, seien hingegen Schlafprobleme, Appetitlosigkeit, Konzentrationsschwäche sowie diffuse Ängste. Spätestens wenn diese auftreten, sei es an der Zeit, sich Hilfe zu suchen. "Zudem kann man auch präventiv zu uns kommen", sagt Demitsch. Dass sich jemand an eine Hilfseinrichtung wendet, müsse indessen nicht beunruhigen. Denn: "Wenn jemand anruft, gibt er sich und uns noch eine Chance."

Erste Hilfe für die Seele: zehn Schritte zur psychischen Gesundheit SN/pro mente austria
Erste Hilfe für die Seele: zehn Schritte zur psychischen Gesundheit

Veranstaltungshinweis: Im Zuge der Reihe "Gesundes Salzburg" referiert Psychotherapeutin Elisabeth Oedl-Kletter am 22. September ab 19 Uhr im SN-Saal. Das Thema: "Von der Fähigkeit, Krisen zu bewältigen". Die Veranstaltung wird vom Kuratorium für psychische Gesundheit, der Gesundheitskasse und dem Land Salzburg organisiert. Der Eintritt ist frei; eine Anmeldung unter sn.at/reservierung ist nötig.

Hilfe in Krisensituationen

Wenn Sie selbst in einer Krisensituationen sind oder Angehörigen helfen möchten, gibt es eine Reihe von Anlaufstellen:

Die Telefonseelsorge erreichen Sie täglich von 0 bis 24 Uhr unter der Nummer 142.

Für Kinder und Jugendliche gibt es unter www.bittelebe.at eine spezielle Website. Rat auf Draht ist unter 147 telefonisch erreichbar.

Pro Mente Salzburg hilft Menschen und deren Angehörigen in akuten Not- und Krisensituationen täglich 0–24 Uhr.
Salzburg: 0662 / 43 33 51
Pongau: 06412 / 200 33
Pinzgau: 06542 / 72 600

Aufgerufen am 28.10.2020 um 03:49 auf https://www.sn.at/panorama/wissen/wie-wir-krisen-ueberwinden-koennen-92601769

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