Innenpolitik

Aufschrei gegen Abschiebung

Hunderten Asylbewerbern, die in Österreich eine Lehre machen, droht nun die Ausweisung. Vertreter von Wirtschaft und Industrie appellieren an Bundeskanzler Kurz, dies zu verhindern.

Rudi anschober kämpft „für Ausbildung statt Abschiebung“ SN/apa
Rudi anschober kämpft „für Ausbildung statt Abschiebung“

Wie macht man aus einer Win-win-win-Situation eine Lose-lose-lose-Situation? Man schiebt Hunderte leistungswillige, integrierte und von der heimischen Wirtschaft dringend benötigte Lehrlinge ab. Laut Verantwortlichen aus Wirtschaft und Industrie droht dieses Szenario aufgrund der anstehenden Asylentscheidungen in zweiter Instanz unmittelbar. Dem Gros der 1043 Asylbewerber, die in Österreich in einem Lehrverhältnis sind, steht die Abschiebung bevor.

Die in den nächsten Wochen und Monaten drohende Abschiebewelle löste am Mittwoch einen lauten Aufschrei der Wirtschaft aus. Diese stöhnt seit Langem unter Fachkräftemangel, und gerade der Lehrlingsmangel wird zum zentralen Problem. Seit September dürfen Asylbewerber auch in Mangelberufen keine Lehre mehr beginnen.

Rudi Anschober, grüner Landesrat in Oberösterreich, drängt mit der von 1297 Unternehmen, 70.000 Privatpersonen und vielen Prominenten unterstützten Initiative "Ausbildung statt Abschiebung" auf eine "Lösung der Vernunft". Anschober kritisierte am Mittwoch Gesprächsverweigerung und fordert ein rasches Gespräch mit dem Kanzler: "Bundeskanzler Kurz muss die Verantwortung tragen, muss eine Entscheidung im Sinne der Wirtschaft treffen. Kurz muss für die Zukunft Hunderter bestens integrierter Menschen die Verantwortung übernehmen." Deutschland zeige vor, wie diese Lösung funktionieren könne. Dort ist das "3-plus-2-Modell" für 7000 Asylbewerber in Lehre realisiert, bei dem diese für drei Jahre Lehre und anschließend für weitere zwei Jahre "geduldet" werden. Österreich müsste für eine vergleichbare Lösung einen Satz im Gesetz ändern, sagt Anschober.

Spar-Österreich ist mit mehr als 44.000 Mitarbeitern der größte private Arbeitgeber und auch der größte Lehrlingsausbildner. Spar-Vorstandsvorsitzender Gerhard Drexel berichtet von hervorragenden Erfahrungen mit 20 Asylbewerbern als Spar-Lehrlingen, die allerdings alle von Abschiebung bedroht sind. "Sie sind sehr engagiert, sie beweisen, dass sie sich rasch integrieren können, sind sehr bemüht, schnell gutes Deutsch zu sprechen. Sie sind lernwillig, aufmerksam und höflich. Und sie sind sehr beliebt bei Kunden und Mitarbeitern."

Drexel betont, dass eine Abschiebung während der Lehre "unmenschlich und auch unwirtschaftlich und deshalb unverständlich" sei. Der Spar-Chef sieht eine "Win-win-win-Situation": Zum einen bekomme das Unternehmen eine gute Arbeitskraft, zweitens erhalte der Asylwerber als Lehrling die Chance, danach, wenn er in sein Heimatland zurückgekehrt sei, mit dem erworbenen Know-how eine wirtschaftliche Existenz aufzubauen. Und drittens handle es sich um aktive Entwicklungshilfe.

Karl Aiginger, Direktor der Querdenkerplattform Wien-Europa, verweist auf die alternde Bevölkerung und den Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. Zuerst in Ausbildung oder humanitäre Hilfe zu investieren und die Menschen dann abzuschieben sei "zynisch und für Österreich teuer". Der Linzer Ökonom Friedrich Schneider rechnet in einer Studie vor, dass die Abschiebung eines einzigen Lehrlings volkswirtschaftliche und betriebswirtschaftliche Gesamtverluste (Wertschöpfungs- und Konsumausgabenentfall, entgangene Steuer- und Sozialversicherungsbeiträge) von 100.000 bis 120.000 Euro verursacht.

Die "Ausbildung statt Abschiebung"-Initiative wird unter anderem auch von voestalpine-Chef Wolfgang Eder, Ex-OMV-General Gerhard Roiss und Porr-Chef Karl-Heinz Strauss unterstützt. Der Industrielle Hans Peter Haselsteiner sieht die drohenden Abschiebungen als "Zeichen dafür, dass uns alle Gebote, die uns Humanismus, bis zu einem gewissen Grad Menschenrechte und auf jeden Fall ein gedeihliches Miteinander vorgeben, abhandengekommen sind". Es handle sich zudem um eine "klassische Dummheit". Haselsteiner: "Es ist so, als würden Sie in Ihrem Garten eine Ölquelle entdecken - und dann schütten Sie sie zu."

Aufgerufen am 20.03.2019 um 10:45 auf https://www.sn.at/politik/innenpolitik/aufschrei-gegen-abschiebung-66438271

Schlagzeilen