Innenpolitik

Österreich sieht sich bei AstraZeneca bestätigt - Impfgremium für Beibehaltung des Impfplans

Das Nationale Impfgremium empfiehlt, das Impfprogramm unverändert fortzusetzen. Auch Staaten, die AstraZeneca vorübergehend nicht mehr verabreicht haben, setzen die Immunisierung fort.

In Österreich darf weiter mit AstraZeneca geimpft werden. SN/AFP/JOEL SAGET
In Österreich darf weiter mit AstraZeneca geimpft werden.

In Österreich wartete man vor allem aus zwei Gründen gespannt auf die Einschätzung der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA). Zum einen hat sich das 18-köpfige Nationale Impfgremium zu Wochenbeginn, als mehrere EU-Länder die Impfung mit dem AstraZeneca-Vakzin vorläufig aussetzten, explizit für das Weiterimpfen ausgesprochen. Gesundheitsminister Rudolf Anschober verteidigte nach der EMA-Entscheidung Österreichs Weg: "Es war richtig, dass wir keine vorschnelle politische Entscheidung getroffen, sondern von der EMA als zuständige Behörde eine detaillierte Untersuchung und Empfehlung eingefordert haben." Für Anschober sei vor allem ein "gemeinsames europäisches Vorgehen wichtig." Auch Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) sagte am Donnerstag in Berlin, er begrüße die Entscheidung der EMA. Er hoffe, dass das etwas Beruhigung mit sich bringe und die Verunsicherung in der Bevölkerung wieder abnehmen könne. "Die unterschiedlichen Reaktionen in den Mitgliedstaaten haben natürlich zu Verunsicherung in der Bevölkerung geführt", eine Entscheidung der zuständigen europäischen Stelle sei daher gut, betonte der Kanzler.

Bild: SN/APA/GEORG HOCHMUTH
Gemeinsames europäisches Vorgehen wichtig.
Rudolf Anschober, Gesundheitsminister (Grüne).

Impfgremium empfiehlt Beibehaltung des Impfplans

Nach der Entscheidung der EMA setzte sich am Donnerstagabend das Impfgremium nochmals zusammen. "In Anlehnung an die Beurteilung der EMA wird empfohlen, das Impfprogramm unverändert fort zu setzen", hieß es am späten Abend in einer schriftlichen Stellungnahme. Die Vorteile des Impfstoffes würden das Risiko von Nebenwirkungen überwiegen. Es gebe keine Hinweise auf ein Problem in Zusammenhang mit einzelnen Chargen des Impfstoffes oder mit Herstellungsstandorten. Der Impfstoff sei nicht mit einem Anstieg des Gesamtrisikos für Blutgerinnsel verbunden. Bei Frauen unter 55 Jahren bestehe ein Hinweis für ein sehr geringes Risiko (geringer als 1:100.000) einer seltenen Form von Gerinnungsstörungen mit Blutgerinnsel nach der Impfung gegen Covid-19. Darauf solle im Rahmen der Aufklärung vor der Impfung hingewiesen werden.

Infektiologe: "Impfung aussetzen bedeutet mehr Covid-Tote"

Die Begründung der österreichischen Impfexperten, die Impfung mit AstraZeneca nicht auszusetzen war, dass der Nutzen der Impfung mögliche Risiken weit übersteigt. Selbst wenn die Komplikationen tatsächlich in Zusammenhang mit der Impfung stünden. "Tatsache ist: Wenn wir in Österreich die Impfung für 14 Tage aussetzen, könnte das zwölf Covidtote mehr bedeuten", sagte zuletzt der Infektiologe und Mitglied des Imfgremiums, Herwig Kollaritsch, den SN. Auch wenn alle Komplikationen, die in Verbindung mit einer Impfung stehen könnten, genau untersucht werden müssten.

Markus Zeitlinger, Pharmakologe an der MedUni Wien, hat sich am Donnerstag im ORF-Radio ähnlich geäußert. Selbst wenn es die befürchteten Nebenwirkungen geben sollte, sei die Risiko-Nutzen-Rechnung hoch positiv. Allerdings müsste man dann entsprechend aufklären, damit jeder Impfwillige für sich selbst entscheiden könne.

Der zweite Grund, weshalb man hierzulande gespannt auf die Stellungnahme der EMA gewartet hatte, betrifft die Durchimpfung der älteren Personen mit dem AstraZeneca-Wirkstoff. Derzeit ist die Durchimpfung der 65- bis 74-Jährigen besonders gering. Bis Stand Mittwoch haben erst 2,4 Prozent dieser Altersgruppe die zwei für den vollen Immunschutz nötigen Impfungen erhalten, 6,5 Prozent zumindest den ersten Stich. Damit wurden deutlich mehr Jüngere geimpft. Und das, obwohl fast die Hälfte der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen (45 Prozent) zwischen 65 und 79 Jahre alt sind. Das Corona-Prognosekonsortium der Regierung hat daher schon am Mittwoch gewarnt, dass die Immunisierung dieser Altersgruppe nicht ausreicht, um den erwarteten deutlichen Anstieg der Intensivpatienten zu bremsen. Ein Erlass von Gesundheitsminister Anschober soll nun dafür sorgen, dass bei den nächsten Impfrunden vor allem ältere Personen zum Zug kommen. Berufsgruppenimpfungen sollen erst wieder danach folgen.

Auch wenn AstraZeneca nicht mehr die tragende Rolle in der heimischen Impfstrategie spielt, hätte ein Ausfall des Impfstoffs den österreichischen Impfplan deutlich ins Stottern gebracht. So liegt der Impfstoff von AstraZeneca derzeit - mit gewaltigem Abstand zum Impfstoff von Biontech/Pfizer - auf Platz zwei der österreichischen Bestellvolumina. Insgesamt wurden bisher 5,9 Millionen Dosen von AstraZeneca geordert.

EU-Länder setzen Impfung fort

Deutschland will nach der Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) die Impfung mit Astrazeneca am Freitag wieder aufnehmen. Das kündigte Gesundheitsminister Jens Spahn am Donnerstag an. Allerdings soll nun zusätzlich aufgeklärt werden. Die "Ereignisse", die zur Aussetzung geführt haben, würden in einer Ergänzung zum Aufklärungsbogen berücksichtigt, sagte Spahn und betonte, die Bürger könnten darauf vertrauen, transparent informiert zu werden.

In Frankreich wird der Corona-Impfstoff von AstraZeneca nach der Einsatzempfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA ab Freitag wieder verabreicht. Das Gutachten der EMA bestätige, dass der Impfstoff nicht nur hochwirksam, sondern auch sicher sei, sagte Frankreichs Premierminister Jean Castex am Donnerstagabend. Er wolle sich selbst direkt am Freitagnachmittag mit dem AstraZeneca-Präparat impfen lassen, kündigte der Regierungschef an. Damit wolle er zeigen, dass man volles Vertrauen in den Impfstoff haben könne.

Auch Italien, Bulgarien, Spanien und Lettland wollen die Corona-Impfungen mit dem Präparat von Astrazeneca wieder aufnehmen, wie am Donnerstagabend bekannt wurde.

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