Schattenorte

Hexenprozesse auf Schloss Moosham: Warum eine 70-Jährige aus Mauterndorf freikam

Auf Schloss Moosham im Lungau wurden einst viele Menschen gefoltert und zum Tode verurteilt. Warum die "Siechenmeisterin von Mauterndorf" im 17. Jahrhundert die Haft überlebte und ob es im Anwesen nun tatsächlich spukt.

Eine Tür öffnet sich, die fest verschlossen schien. Ein Schrank, wuchtig und Hunderte Kilogramm schwer, wankt und scheppert. Ein Licht geht an, obwohl niemand zu sehen ist. Um Schloss Moosham in Unternberg im Lungau ranken sich viele Geistergeschichten. "So viel kann ich sagen, ich bin nie allein im Schloss", sagt die Geschäftsführerin Theresita Wilczek. Sie habe sich gewöhnt an diese "Schlosssachen", wie sie die unerklärlichen Vorkommnisse nennt, die sich hier immer wieder abspielen sollen. "Hier ist viel passiert, es sind viele Menschen innerhalb dieser Mauern gestorben, die Aktivität ist daher ganz natürlich." Gern spricht die Tochter des Schlossherrn Hans-Heinrich nicht darüber. Denn viele würden es nicht glauben, bis sie es selbst erlebt hätten.

Blutgericht auf Schloss Moosham: Nur selten kam es zu Freisprüchen

Das Anwesen hat eine bewegte Geschichte. Im Jahr 1191 findet sich der erste urkundliche Nachweis einer Schlossanlage der Herren von Moosham. Im 14. Jahrhundert wird das Schloss Sitz des Blut- und Pfleggerichts im Lungau. "Hier wurden die Schwerdelikte abgehandelt, darunter auch Hexenprozesse", erzählt Theresita Wilczek. Die Angeklagten waren im Hexenturm, dem ältesten Teil des Schlosses, in Gefängniszellen untergebracht. Nur dünne Schlitze oberhalb der Tür lassen Luft und Licht durch, ansonsten sind es dunkle, kleine Gräben. Daran anschließend befindet sich die Folterkammer. Streckbank, Maulsperren, Daumenschrauben und ein Seil, an dem die Menschen rücklings hochgezogen wurden, sind noch erhalten. "Dort hat man die Geständnisse erzwungen", schildert Wilczek. Wer dies überlebte, musste wieder in der Zelle ausharren, bis er oder sie entweder zum Tode verurteilt oder - in seltenen Fällen - entlassen wurde. "Wenn es zu einer Anklage kam, wurden die wenigsten freigesprochen", erläutert Peter Klammer. Der Lehrer und Lokalhistoriker beschäftigt sich seit Jahren mit den Lungauer Hexenprozessen.

"Schörgentoni": Zu böse für die Hölle

"Die Folterungen in Moosham entsprachen durchaus der damals gängigen Praxis", sagt Klammer. Das Pfleggericht unterstand dem Salzburger Erzbischof, somit mussten sämtliche Befragungen nach Salzburg übermittelt und weitere Anweisungen abgewartet werden. Die Richtstätte befand sich jedoch nicht beim Schloss, sondern am Passeggen zwischen St. Andrä und Tamsweg. Dort richtete ein Henker die Verurteilten mit dem Schwert hin, bei schweren Delikten wurden sie gehängt und anschließend verbrannt, wie Klammer schildert.

Besonders grausam soll Anton Heilmayer gewesen sein, der im 18. Jahrhundert 30 Jahre lang als Gerichtsdiener am Schloss tätig war und als "Schörgentoni" bekannt ist. Er soll Provision für jeden, den er verhört hat, verlangt haben. "Jeder im Lungau kennt den Schörgentoni", sagt Wilczek. Eine Legende besagt, er sei so böse gewesen, dass ihn nicht einmal die Hölle aufgenommen hätte.

Wie die "Siechenmeisterin von Mauterndorf" freikam

Eine Angeklagte, die ihre Haft auf Schloss Moosham überlebt hat, war Anna Christophin, auch als "Siechenmeisterin von Mauterndorf" bekannt. Die damals 70-Jährige wurde im Jahr 1642 der Wahrsagerei und anderer "heimlicher Künste" beschuldigt und angeklagt. Als Siechenmeisterin pflegte sie im sogenannten Siechenhaus in Mauterndorf nicht nur Kranke, sondern gewährte auch Fremden und Armen Zuflucht. Das habe sie verdächtig gemacht, wie Anna Vierlinger schildert. Die 24-Jährige ist Studienassistentin am Fachbereich Geschichte an der Universität Salzburg und hat in ihrer Bachelorarbeit den Prozess der Anna Christophin untersucht. Dafür hat sie die Verhörprotokolle im Landesarchiv Salzburg ausgeforscht und ausgewertet. "Die Quellen geben Einblick, wie der Prozess abgelaufen ist", sagt Vierlinger. So wird die 70-Jährige im Verhör unter anderem gefragt, ob sie den Leuten wahrgesagt habe, ob sie Frauen zur Schwangerschaft verholfen oder Abtreibungen durchgeführt habe. Die Siechenmeisterin verneint.

Anna Vierlinger, Masterstudentin und Studienassistentin an der Universität Salzburg (Fachbereich Geschichte).  SN/privat
Anna Vierlinger, Masterstudentin und Studienassistentin an der Universität Salzburg (Fachbereich Geschichte).

Auch die Briefe, die zwischen dem damaligen Pfleger Georg Christoph Pfliegl und dem Hofrat in Salzburg verschickt worden sind, sind erhalten. Im Dezember 1642 ergeht schließlich die Anweisung, die 70-Jährige freizulassen. Man habe ihr keine Hexereien nachweisen können. Wie das Leben der Anna Christophin danach verlaufen ist, kann nicht eruiert werden. Doch weiß man, dass sie acht Jahre später, im Jahr 1650, erneut vor Gericht stand. Damals ging es um das "Dirndl", das sie bei sich aufgenommen hatte und das wegen unzüchtigen Verhaltens im Ort auffiel.

Sommerresidenz für Graf Wilczek und Katharina Schratt

Erst im Jahr 1790 ließ der damalige Erzbischof Hieronymus Colloredo das Pfleggericht in Moosham auflösen. Im Jahr 1886 kaufte der Forscher und Kunstmäzen Graf Johann Nepomuk Wilczek das Schloss einem Bauern ab, der es mittlerweile bewirtschaftet hatte. Der Graf renovierte das Anwesen umfassend und füllte es mit Kunstschätzen. Im Sommer nutzte er die Residenz auch als Rückzugsort für sich und seine Geliebte, Katharina Schratt. "Briefe sind aufgetaucht, die beweisen, dass mein Vorfahre zeitgleich mit Kaiser Franz Joseph I. eine Liaison mit Frau Schratt hatte", erzählt Theresita Wilczek. Das Anwesen ist bis heute in Familienbesitz. "Reich wird man mit Schloss nicht", sagt die Geschäftsführerin. Es gebe stets Baustellen und viel zu tun. Ihr Neffe, der Sohn ihres Bruders, wird demnächst das Schloss führen. Aber sie bleibe weiterhin damit verbunden, sagt Wilczek. Der eine oder andere Spuk gehöre für sie dazu. Bei Führungen weise sie nun aber vermehrt auf die schönen Seiten des Schlosses hin. "Es sind nicht nur schreckliche Dinge auf Schloss Moosham passiert. Viele Menschen haben hier gelebt, Feste gefeiert und auch schöne Zeiten verbracht."

Schattenorte: Der Podcast über die dunkle Geschichte Salzburgs

Im Podcast "Schattenorte" beleuchten die SN-Redakteurinnen Anna Boschner und Simona Pinwinkler die dunkle Geschichte in Stadt und Land Salzburg.

Haben Sie Fragen oder Anregungen zu dieser Episode? Oder kennen Sie Schattenorte in Ihrer Heimat, die es zu beleuchten gilt? Dann schreiben Sie uns per Mail an podcast@sn.at.

Literatur und Infos zu dieser Episode:

Peter Klammer: Coitus cum diabolo - Der Mooshamer Hexenprozess von 1688/89, erschienen im P. Klammer Verlag 2006.

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