Wintersport

Flitzerin beim Nachtslalom in Schladming: "Das war genial"

Kinsey Wolanski, die Fast-Nackt-Flitzerin vom Nachtslalom in Schladming, ist nach ihrem Auftritt in aller Munde. Sie verschaffte dem Skirennen weltweite Aufmerksamkeit. Ein Medienexperte spricht von einem "genialen Coup" - und verrät, warum es für Flitzer wirksamer ist ein Skirennen zu stören als ein Fußballspiel.

Aus dem Nachtslalom wurde der "Nacktslalom": Nur mit einem engen Badeanzug bekleidet, spazierte die US-Amerikanerin Kinsey Wolanski am Dienstagabend durch das Schladminger Zielstadion. Ihr Auftritt sorgte kurzzeitig für Verwirrung - Wolanski lief über die Ziellinie und löste die Zeitnehmung aus.

Durch die zu früh ausgelöste Zeit wähnte sich der Südtiroler Alex Vinatzer in Führung, kurz darauf wurde die Zeit aber korrigiert. "Aus ihrer Sicht war das genial", sagt Minas Dimitriou, Professor am Fachbereich Sportpädagogik, -psychologie und -soziologie an der Uni Salzburg. Wolanski habe mit ihrer Aktion gleich doppelt punkten können: "Neben der erhaltenen Aufmerksamkeit konnte sie - zumindest kurzfristig - auch direkt auf das Ergebnis Einfluss nehmen."

Daher sei der Aufschrei in den klassischen Medien aber auch auf Social Media besonders hoch. "Sie hat alle Voraussetzungen erfüllt", sagt Dimitriou. Wäre die US-Amerikanerin einfach nur durch den Zielraum spaziert ohne die Zeitnehmung auszulösen - es würden wohl weit weniger Menschen über ihren Auftritt sprechen. Und: "Beim Fußball stören Flitzer zwar kurzzeitig das Spiel, dann geht es normal weiter. Die TV-Regie zeigt die Aktionen oft gar nicht." Wolanskis Auftritt in Schladming sei daher "perfekt inszeniert" gewesen.

Was treibt Flitzer an?

Generell sind Flitzer laut dem Experten ständig auf der Suche nach Aufmerksamkeit. "Sie suchen sich daher große Bühnen, wo auch viele Menschen zusehen", sagt Dimitriou. Es gehe ihnen um Provokation, exhibitionistische Motive gebe es nicht. "Sonst könnten sich Flitzer ja auch nur vor einer kleinen Gruppe zeigen", sagt Dimitriou.

Sie zeigt sich halt gern: Kinsey Wolanski am 1. Juni 2019 beim Champions-League-Finale in Madrid. SN/AFP
Sie zeigt sich halt gern: Kinsey Wolanski am 1. Juni 2019 beim Champions-League-Finale in Madrid.

Ähnlich sieht das der Salzburger Sportwissenschafter und Psychotherapeut Thomas Wörz: "Flitzen ist die Möglichkeit, sich in Szene zu bringen und Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen." Oft seien Flitzer auch Grenzgänger und würden bewusst gegen Sitten und klare Regeln verstoßen wollen. "Sie wollen die Ordnung durcheinander wirbeln und sich nicht reglementieren lassen", sagt Wörz. Es gehe ihnen um Freiheit und Selbstgestaltung. Und: "In Zeiten von Social Media fetzen solche Auftritte um die ganze Welt - so schafft man es binnen kürzester Zeit in den Mittelpunkt."

Flitzerin drohen kaum Konsequenzen

Die Fast-Nackt-Flitzerin vom Nachtslalom in Schladming hat wenig zu befürchten: Laut Polizei gebe es zwar eine Anzeige, aber wohl keine strafrechtlichen Folgen. Chefinspektor Fritz Grundnig von der Pressestelle des Landespolizeikommandos Steiermark beurteilt die Flitzer-Aktion der 23-jährigen Amerikanerin am Tag danach recht gelassen: "Der Vorfall ist eine Verwaltungsübertretung, eine Ordnungsstörung." Daher werde die Causa auch von der Polizei der Bezirkshauptmannschaft Liezen angezeigt. Grundnig weiter: "Und es wurde auch bereits eine Sicherheitsleistung von der Frau eingehoben. Die Höhe dürfen wir nicht sagen. Es entspricht aber dem, was als Strafe ausgesprochen wird - zur Sicherung des Verfahrens, weil die Frau nicht in Österreich wohnhaft sei. Wolanski sei aber weiterhin auf freiem Fuß, sagt der Polizist: "Ihre Personalien wurden aber aufgenommen."

Polizeisprecher: "Strafrechtlich ist an dem Fall nichts dran"

Aber stehen in diesem Fall nicht auch andere - auch strafrechtliche - Tatbestände im Raum - wie etwa fahrlässige Gemeingefährdung, da ja immerhin ein Skirennläufer behindert wurde? Und wie ist es mit der gerne zitierten Tatbestand der "Erregung eines öffentlichen Ärgernisses"? Auch das sieht der Chefinspektor entspannt: "Landläufig heißt es "Erregung eines öffentlichen Ärgernisses"; rechtlich ist es aber eine sogenannte Ordnungsstörung. Und strafrechtlich ist an dem Fall nichts dran. Da wird nicht ermittelt - weil der Fall offensichtlich ist." Sollte sich aber weitere Dinge ergeben, sei dennoch ein Bericht an die zuständige Staatsanwaltschaft in Leoben möglich, meint Grundnig: "Derzeit sieht es aber nicht so aus."

Einen generellen Trend zur "Flitzerei" bei Sport- und anderen Großveranstaltungen ortet der Presseoffizier der steirischen Polizei aber nicht: "Ab und zu kommt es bei Fußballspielen vor, dass ein Flitzer über das Feld läuft. Aber gängige Praxis ist noch nicht - und ich hoffe, es wird auch so bleiben", sagt er. Veranstaltern würde er in dieser Hinsicht aber keine Tipps geben: "Das muss jeder Veranstalter für sich selbst entscheiden, wie er solche Vorfälle verhindert. Für die Sicherheit in Stadien ist jeder Veranstalter selbst zuständig." Aus polizeilicher Sicht sei der Fall eigentlich erledigt, meint Grundnig: "Die Frau kann auch in ihre Heimat USA ausreisen. Die Frau wurde ja nicht festgenommen. Ein Festnahme-Grund wäre nur gewesen, wenn sie die Bekanntgabe ihrer Personalien verweigert hätte. Das war aber nicht der Fall."

Schladminger OK-Chef Gogl: "Flitzerin hatte sicher zwei Helfer vor Ort"

Auch Hans Grogl, der Präsident und auch Chef des Organisationskommitees beim Skiklub Schladming, will um die Flitzer-Causa am Tag danach nicht viel Aufhebens machen: "Die Frau wurde von der Security in Gewahrsam genommen und dann der Polizei übergeben. Sie ist dann nach Salzburg gereist - wo sie ein Hotel gebucht hatte und sitzt bereits wieder im Flieger nach Los Angeles." Der Skiklub sei zwar dabei, mögliche rechtliche Schritte zu prüfen, sagt Grogl: "Aber es war keine Behinderung der Veranstaltung in dem Sinn. Und der betroffene Rennläufer, Alex Vinatzer, hat auch keinen Einspruch gemacht." Denn es habe ohnehin zwei Backups bei der Zeitnehmung gegeben, sagt der OK-Chef. Nachsatz: "Und am Ende hat sich Vinatzer sogar gefreut, weil noch nie ein Rennläufer fast zeitgleich mit einer Flitzerin ins Ziel kam." Grogl betont zudem, dass Wolanski ja "Profilflitzerin" sei, weil sie bereits beim Super-Bowl-Finale und bei einem Champions-League-Match mit ihrem schwarzen Einteiler aufgetreten sei. Und mögliche rechtliche Fragen seien außerdem eine Sache des offiziellen Veranstalters des Skirennens, des ÖSV, meint Grogl: "Denn wir waren nur der durchführende Verein."

Eines stimmt Grogl aber doch nachdenklich: "Sie hatte da in Schladming sicher zwei Helfer. Noch konnten wir sie aber nicht ausforschen. Aber wir werden die Kamera-Aufzeichnungen nochmals genau durchsehen. Aber in dem Sektor allein standen 5000 Leute - und die meisten waren sehr warm angezogen. Die Helfer zu finden, dürfte daher schwierig sein."

Rechnet Grogl nun öfter mit solchen Flitzer-Vorfällen in Österreich - nämlich nicht nur bei Fußball- sondern auch bei Ski-Großereignissen? "Ich weiß es nicht. Aber es ist ja nicht mehr medienwirksam, wenn es öfter vorkommt", meint er lachend.

OK-Chef: "Das wird man nie verhindern können"

Aber was macht der Skiklub Schladming als durchführender Verein, um künftige Flitzeraktionen schon im Vorfeld zu verhindern? Hier gibt sich Grogl eher ratlos: "Verhindern wird man das nie können. Denn wir können keine Menschenkette entlang der Piste machen." Denn Skirennen seien Freiluftveranstaltungen: "Das hat man nicht im Griff. Es ist aber niemand gefährdet worden. Und es ist nichts passiert."

Aber dennoch: Wie soll das Schladminger Skistadion künftig gegen solche Vorfälle gesichert werden? Erhält die Frau nun - anlog zu den Fußballstadien - auch in Schladming ein explizites Skistadien-Verbot für die nächsten Jahre? Grogl winkt ab: "Wir können nicht alle 38.000 Zuschauer in unserem Stadion namentlich kontrollieren. Wir machen eh Scans. Aber die Frau wird ja normal angezogen gekommen sein. Und sie hatte eine normale Eintrittskarte." Bei den Besucher des Nachtslaloms, speziell jenen entlang der Piste, könne man unmöglich personalisierte Kontrollen durchführen. Namentlich seien dem Skiklub nur die akkreditierten Gäste bekannt gewesen: Darunter fallen laut Gogl neben Journalisten kurioserweise auch die eigenen Mitarbeiter: "Von denen ist alles hinterlegt - inklusive Foto und Sozialversicherungsnummer - für Kontrollen durch den Gewerbeinspektor."

Skiklub ist gegen personalisierte Eintrittskarten: "Das ist nicht administrierbar"

Aber wären künftig nicht personalisierte Eintrittskarten überlegenswert, wie es sich bei manchem Fußballspielen bereits seit längerem gibt - um so auch eventuelle Stadionverbote auch wirklich exekutieren zu können? Grogl spricht sich explizit dagegen aus - und zwar aus mehreren Gründen. Ein Argument sei der Datenschutz. "Und es ist auch ein Ding der Unmöglichkeit - weil es nicht administrierbar ist."

"Das ist eine Riesen-Werbung für den Tourismus in Schladming"

Und wie beurteilt der Skiklub-Präsident die PR-Wirkung des Flitzer-Vorfalls? Hat er den Schladmingern am Ende sogar genutzt - weil es jetzt noch mehr Klicks auf ihre Homepage gibt - und auch der Nachtslalom als solcher noch bekannter wird? Dieser Einschätzung stimmt Grogl durchaus zu: "Wir haben sicher jetzt Weltpräsenz auf den Social-Media-Kanälen. Denn die Frau hat rund drei Millionen Follower. Das ist ja bekannt. Daher nutzt uns der Vorfall sicher auch PR-mässig - und hilft uns in der Werbung - als Stadt und auch als Nightrace - und damit für den Tourismus im Ort. Das ist eine Riesen-Werbung."

Wolanski, die "Profiflitzerin"

Und die Flitzerin selbst? Kinsey Wolanski hat mit ihrem knappen Einteiler bereits beim Champions-League-Finale am 1. Juni 2019 kurzen Internet-Ruhm geerntet. Das US-amerikanische Model hatte bei ihrem Sprint über den Rasen beim Endspiel in Madrid für eine Internet-Plattform ihres Lebensgefährten geworben und war für wenige Sekunden bei der Live-Übertragung auf Millionen Fernsehschirmen zu sehen. Noch in derselben Nacht nach dem Champions-League-Finale stellte Wolanski ein Foto auf ihre Instagram-Seite, das sie im Klammergriff eines Ordners zeigt, beobachtet von Tottenhams Harry Winks. Dazu schreibt sie scherzhaft: "Habe ich die Nummer 8 ein wenig zu sehr abgelenkt?" Tottenham verlor das Finale gegen Liverpool mit 0:2.

"Das Leben ist zum Leben da, und um verrückte Dinge zu tun, an die du dich für immer erinnerst", schrieb sie unter einen anderen Instagram-Beitrag. Die Zahl ihrer Follower in dem sozialen Netzwerk stieg in den Stunden nach der Aktion steil an. Marketing-Experten wollen einen Werbewert für die beworbene Internetseite in Höhe von mehreren Millionen Euro errechnet haben.

Der in Russland geborene Betreiber der Seite twitterte: "Ich kann es nicht erwarten, Dich zu heiraten." Er selbst ist unter dem Kürzel VitalyzdTv eine bekannte YouTube-Persönlichkeit und hat ebenfalls als Flitzer Erfahrung: 2014 rannte er in der zweiten Hälfte des Fußball-WM-Finales Deutschland gegen Argentinien in Rio de Janeiro über das Feld und bedrängte DFB-Verteidiger Benedikt Höwedes.

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