Karl Reinthaler

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Karl Reinthaler

Karl Reinthaler (* 18. September 1913 in Villach, Kärnten; † 1. August 2000 in Saalfelden) war Landtagsabgeordneter und Bürgermeister von Saalfelden.

Karl Reinthalers Leben

Karl Reinthaler, 1913 in Villach geboren, erlebte bereits als Kind die grausamen Auswirkungen des Krieges: Sein Vater, ein begeisterter Bergsteiger, verlor während des 1. Weltkrieges nach nur wenigen Wochen Fronteinsatz beide Beine. Und die im Krieg nicht ausgeheilte Ruhrerkrankung forderte bald darauf ihren Tribut: Reinthaler, gerade neun Jahre alt, verlor 1922 seinen Vater. Als Vermächtnis hinterließ er seinem Sohn jenen Satz, der ihn ein Leben lang begleiten sollte: "Ich kann mein Schicksal mit der Gewissheit ertragen, dass er nie mehr in einen Krieg ziehen muss!"

Der Verlust seines Vaters brachte nicht nur seelische Entbehrungen mit sich. Denn seine Mutter, selbst schwer an TBC erkrankt, musste mit einer kleinen Invalidenpension fünf Kinder ernähren. 1927 bestand der erst 14jährige Reinthaler die Aufnahmeprüfung für die Lehrwerkstätte der Hauptwerkstatt St. Pölten und absolvierte dort eine Lehre zum Maschinenschlosser. Das Ende seiner Lehrzeit im Jahr 1931 bedeutete für ihn aber nicht die Übernahme in den aktiven Dienst der Eisenbahn, sondern drei Jahre Arbeitslosigkeit, in denen er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten musste. In dieser Zeit knüpfte er erste Verbindungen zur Sozialistischen Partei Österreichs, zunächst über die Kinderfreunde und anschließend über die sozialistische Gewerkschaftsbewegung. Zudem besuchte er die Werkmeisterschule für Maschinenbau und Elektrotechnik in Wien, um sich in seinem Beruf weiterzubilden.

Die politischen Veränderungen der Dreißiger Jahre fanden in der Ausschaltung des Nationalrates am 4. März 1933 und mit dem Verbot der Sozialdemokratie im Februar 1934 zwei ihrer undemokratischen Höhepunkte. Der autoritäre Ständestaat brachte auch für die Bediensteten der Eisenbahnen gewaltige Veränderungen der Arbeitsbedingungen mit sich: Massive Entlassungen, Herabsetzung der Eisenbahnerpensionen, Auszahlung der Gehälter in drei Raten, Aufhebung der Versammlungs- und Pressefreiheit, Dienstrechtsänderungen ohne Rücksprache mit der Personalvertretung, um nur einige Beispiele zu nennen; mit dem faschistischen System verbundene Funktionäre durchdrangen dabei typische Arbeiterorganisationen wie die Eisenbahn. Bewerber mussten sich als Mitglieder von Wehrformationen (z. B. Heimwehr) ausweisen - Ausnahmen wurden nur selten geduldet.

1934 gelang es Karl Reinthaler dennoch wieder in den Eisenbahnerdienst aufgenommen zu werden. Zunächst arbeitete er in der Oberbauwerkstätte in Wörth, ein Jahr später erhielt er die Möglichkeit, wieder nach St. Pölten zurückzukehren. Da er als "Roter" bekannt war, reagierten seine Arbeitskollegen ablehnend auf ihn. Trotz seines guten Eignungstests, der Reinthaler erst den Wiedereintritt in den Eisenbahnerdienst ermöglichte, konfrontierten systemtreue Arbeitskollegen ihn immer öfters mit Sätzen wie "Unsere Heimwehrler stehen ohne Arbeit auf der Straße und ein Roter wird uns vor die Nase gesetzt". Für ihn stand damals fest, bereits abgestempelt zu sein. Lange hielt es ihn - aufgrund der Ablehnung seiner Person durch die Kollegen - nicht in St. Pölten, denn im Spätherbst 1936 wurde er nach einer Ausbildung zum Wagenmeister am Rangierbahnhof Gnigl und am Hauptbahnhof Salzburg für sechs Monate als "Mädchen für alles", wie er es selbst bezeichnete, nach Saalfelden (Bezirk Zell am See) versetzt. Er übernahm in dieser Zeit sowohl Aufgaben als Schlosser als auch als Wagenmeister. Das Versprechen des Bahnhofsvorstandes von Salzburg, er könne nach diesen sechs Monaten wieder nach Salzburg zurückkehren, sollte von ihm allerdings nicht eingelöst werden.

Wie in allen anderen Eisenbahn-Knotenpunkten hatten auch die Saalfeldener Sozialisten vor ihrem Verbot zu großen Teilen aus Eisenbahnern bestanden. In den Kernschichten der ehemaligen Partei wurde die sozialistische Gemeinschaft als Schutz- und Hilfsgemeinschaft trotz der zerschlagenen Strukturen weitergelebt und bildete die Basis für den Widerstand nach 1934. Dieses sympathisierende politische Umfeld fand auch in zahlreichen widerständischen Alltagsverhalten seinen Niederschlag und Ausdruck. Dabei arbeiteten Revolutionäre Sozialisten und Kommunisten auf enge Weise zusammen. Illegale Informationen wurden über das fahrende Personal der Eisenbahn beschafft, die heimlich streng verbotene Zeitungen transportieren. Doch die Ränder des sozialistischen Milieus waren schon vor 1934 aufgeweicht: Vor allem die beständig steigende Arbeitslosigkeit machte etliche Betroffene für die Agitation der NSDAP empfänglich.

Die politische Verwaltung Saalfeldens hatte ab 1934 nichts mehr mit demokratisch gewählten Strukturen zu tun. Bürgermeister Riedler wurde am 13. Februar 1934 von der Heimwehr am Betreten des Gemeindeamtes gehindert und in der Folge seines Amtes enthoben. Bis 1936 leitete Johann Eiböck als kommissarischer Verwalter die Arbeit in der Marktgemeinde. 1936 wird Bartholomäus Fersterer als Bürgermeister eingesetzt. Ihm folgte zwei Jahre später Hans Großlercher. Recherchiert man in den für Saalfelden veröffentlichten Akten des Gendarmeriepostens Saalfelden, so sind für die Jahre 1934 bis 1938 eine Reihe von Widerstandsaktivitäten zu verzeichnen.

Die Widerstandsaktivitäten Karl Reinthalers während der NS-Zeit

Seine Kritik an den Ereignissen äußerte Karl Reinthaler immer wieder öffentlich, so z. B. bei der Wirtin des Bahnhofs-Restaurant, die ihn auch an die GESTAPO verriet. Auch seine - auf der Basis historischer Kenntnisse beruhenden - kritischen Äußerungen zum Polenfeldzug brachten ihm eine Vorladung bei der GESTAPO ein. Seit diesen Äußerungen galt Karl Reinthaler als verdächtig und stand im Abseits. Im Rahmen seiner Tätigkeit als Lokführer besorgte er in der Schweiz internationale Zeitungen, z. B. die Baseler Nationalzeitung, und gab diese an die Kollegen weiter. Er berichtet auch davon, dass man als Zeichen des Widerstandes in die Kirche zur Messe gegangen ist.

Bei der Nepomuk-Kapelle an der Urslaubrücke in Saalfelden stand ein Kiosk, an dem man die wichtigsten Lebensmittel einkaufen konnte; auch Karl Reinthaler kaufte dort ein. 1938 führte plötzlich eine andere Frau den Kiosk und ein Arbeitskollege verriet ihm, dass die Söhne der alten Betreiberin als Kommunisten verhaftet wurden und die Frau, als deren Mutter, daraufhin gezwungen worden war, den Kiosk aufzugeben. Mit dieser Geschichte nahm der Grund für Reinthalers Verhaftung seinen Anfang: Er erklärte sich in der Folge bereit, im Rahmen der "Roten Hilfe" für die Frau zu spenden. Diese regelmäßigen Spenden begründeten schließlich den Verdacht organisierter Tätigkeit und Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei und der Vorbereitung zum Hochverrat.

Verhaftung und Zuchthaus

Zu Beginn des Jahres 1942 wurde Karl Reinthaler gemeinsam mit anderen verhaftet, unter ihnen auch Josef Scherleitner, bei dem er zwischen 1936 und 1938 wohnte und der zum Tode verurteilt und 1943 hingerichtet wurde. Seine Mutter bemühte sich um einen Rechtsanwalt, doch dieser meinte, die Urteile stünden vor Prozessbeginn bereits fest und jeder bekäme einen Pflichtverteidiger zugewiesen. Die Verhandlung sei letztlich nur eine Formalität. Karl Reinthaler wurde zu sechs Jahren Zuchthaus und Ehrverlust (= Verlust aller bürgerlichen Rechte) verurteilt.

NS-Zuchthaus in Amberg (Oberpfalz).

Der Transport ins Zuchthaus nach Amberg erfolgte über die beiden Stationen Regensburg und Straubing. Die Gefangenen wurden in umgebaute Personenwagen gepfercht, die Zeit für den Gang zur Toilette war reglementiert und kaum zu schaffen, die Fenster waren mit Blech verschlagen und nur durch einen Trichter konnte Luft ins Abteil strömen.

Amberg galt als Lager für politische Häftlinge ("Vergeltungslager") und bestand bereits vor 1938. In den Anfangsjahren des Nationalsozialismus wurde es noch vom Gefängnispersonal aus der Weimarer Republik geführt. Erst später übernahmen es SS- und SA-Männer. Ab 1938 wurden in diesem Lager auch ausländische, vor allem kommunistische Widerstandskämpfer inhaftiert.

Als die Firma Zeiss begann, ihre MitarbeiterInnen aus dem Zuchthaus Amberg zu rekrutieren, konnte er aus der Schneiderei (TBC-Gefahr) in die Funktion eines Werkzeugmachers wechseln. Die Tatsache, dass er dort keinen Schichtdienst zu versehen hatte, bezeichnet er als einen Grund für sein Überleben. Immer wieder wurde er mit Sonderaufgaben betraut, die mit seinem gelernten Beruf des Schlossers in Verbindung standen. In diesem Zusammenhang schildert er in einem Interview ein Beispiel für die Unterstützung durch das Wachpersonal: Als er bei Schlosserarbeiten auf dem Lagergeländer unterwegs war, wurde er von seinem Bewacher in den Schweinestall gesperrt. Schnell erkannte er, warum dieser das tat: Er konnte sich dort mit frisch gekochten Kartoffeln (für die Schweine) satt essen! Ab den Weihnachtsproben 1943 war Reinthaler auch Mitglied des Gefangenenchors. Das Singen ermöglichte es ihm, Kraft zu schöpfen. Zudem gab es am Ende der Proben für die Weihnachtsfeier immer eine dicke Nudelsuppe. An diese musste er auch bei späteren Weihnachtsfesten denken.

Beim Schleifen eines Werkstückes zog er sich eine Augenverletzung zu. Der Abteilungsleiter der Firma Zeiss ermöglichte es ihm, einen Facharzt aufzusuchen. Dieser suchte das Gespräch mit ihm und die Arzthelferin steckte ihm bei jedem Besuch eine Wurstsemmel zu. Sie ging als "der Schutzengel von Amberg" in die persönliche Lebensgeschichte Karl Reinthalers ein. In einem der Interviews schilderte er sehr eindringlich, dass er der festen Überzeugung ist, wären die Amerikaner 14 Tage später nach Amberg gekommen, hätte er die Haftzeit nicht überlebt, weil er zu diesem Zeitpunkt bereits am Ende seiner Kräfte angelangt war.

Im Laufe seiner Haftzeit leistete er für sich den Schwur, sollte er das Zuchthaus überleben, in der weiteren Folge sein Leben der Allgemeinheit zu widmen.

Karl Reinthaler war von 1972 bis 1978 als Saalfeldener Bürgermeister tätig.

1945: Neuanfang und politische Karriere

Von den Entbehrungen gezeichnet, kehrte Karl Reinthaler 1945 nach Saalfelden zurück. Der militärischen Kapitulation im Jahr 1945 folgte jedoch keineswegs die allgemein verbreitete Einsicht über den Irrweg des Nationalsozialismus. Die "Stunde Null", den vollständigen Bruch mit der NS-Vergangenheit, gab es auf der Ebene der Verfassung und der Ordnung der Institutionen, nicht aber bei den Mentalitäten und Einstellungen. Die tiefe und verbreitete Feindseligkeit der Österreicher gegenüber den Juden, die bereits im 19. Jahrhundert durch Ausgrenzung und Argwohn sichtbar wurde, konnte nicht in einer kurzen Übergangszeit verschwinden. Ebenso war es nicht sofort möglich, die tiefen Gräben zwischen den jeweiligen parteipolitischen Lagern auszuräumen. Die Konflikte der 1. Republik und die bürgerkriegsähnlichen Zustände während des Ständestaates waren dafür noch zu greifbar.

Und die Entnazifizierung bedeutete in Saalfelden keineswegs nur einen rein bürokratischen Vorgang: Opfer und Täter kannten sich dafür zu gut und waren zudem auch räumlich eng miteinander verbunden. Während rechtliche und politische Konsequenzen gezogen wurden, wurden die sozialen Auswirkungen zu ignorieren versucht und blieben oftmals ungeklärt. An seinem Entschluss, für die Allgemeinheit Positives bewirken zu wollen, hielt Reinthaler aber unbeirrt fest. 1945 wurde er in den Saalfeldener Gemeindevorstand sowie in den Salzburger Landtag gewählt. Schwerer Rheumatismus zwang ihn jedoch, 1948 seine Tätigkeit als Landtagsabgeordneter zurückzulegen. Es folgten 16 Jahre als Fraktionsobmann der SPÖ und ab 1965 acht Jahre als Vizebürgermeister, in denen er als Rechts- und Schulreferent auf sich aufmerksam machte.

1972 folgte sein "dichtester Lebensabschnitt": Er folgte 1973 Adam Pichler in das Amt des Bürgermeisters nach. In seiner Amtszeit verzeichnete Saalfelden grundlegende Veränderungen, die sich auf alle Lebensbereiche erstreckten. Das Altersheim wurde ausgebaut, Schulen erweitert, ein Rehabilitationszentrum errichtet und der Reinhalteverband gegründet. Doch die mit Freude übernommene Belastung wurde zur Überlastung. Die Ärzte diagnostizierten Dickdarmkrebs und er musste 1978 nach fünfeinhalbjähriger Amtszeit als Bürgermeister zurücktreten.

Nach seiner zwangsläufigen Pensionierung war es Karl Reinthaler ein großes Anliegen, bei besonderen Anlässen als Zeitzeuge aufzutreten. Er sprach zum 50. Jahrestag der Zweiten Republik, besuchte zahlreiche Schulen und diskutierte mit ehemaligen Wehrmachtssoldaten bei der Wehrmachtsausstellung 1998 in Salzburg.

Ein tragischer Unfall beendete am 1. August 2000 sein Leben abrupt.

Drei Tage später, am 4. August 2000, wurde der Saalfeldener Ehrenbürger unter großer Anteilnahme der Saalfeldener Bevölkerung beerdigt.

Karl-Reinthaler-Haus in Saalfelden

Karl Reinthalers Vermächtnis

Zweieinhalb Jahre später setzte man ihm ein erstes Andenken: Die SPÖ Saalfelden kaufte jenes Gewerkschaftsheim, an dessen Gründung Reinthaler maßgeblich beteiligt war, und benannte es nach ihm - „dem Pionier der Arbeiterbewegung in Saalfelden“.

Zudem veröffentlichten Mag. Alexander Neunherz (Politologe) und Mag.a[1] Sabine Aschauer-Smolik (Historikerin) Anfang 2004 das im Studienverlag erschienene Buch "Karl Reinthaler. Dagegenhalten.". Im Zuge dessen wurde auch eine umfassende Veranstaltungsreihe durchgeführt (Verleihung des 1.-Karl-Reinthaler-Preises, eine vierzehntägige Ausstellung über sein Leben und Wirken sowie ein Symposium zum Thema „Zivilcourage und widerständisches Verhalten“), die dem Saalfeldener Ehrenbürger gewidmet wurde.

Weblinks

- Karl Reinthaler. Dagegenhalten.
- Saalfeldener Zeitgeschichte 1945-1955
- Innerer Widerstand. Ein Gespräch mit Karl Reinthaler Ein Film von Barbara Kronreif, Robin Pancheri und Helmut Schwabegger auf den Seiten des Salzburger Unifernsehens.

Quellen

  • Aschauer-Smolik, Sabine; Neunherz, Alexander: Karl Reinthaler. Dagegenhalten. Eine Lebensgeschichte zwischen Brüchen und Kontinuitäten in der Provinz, Studienverlag, 2004
  • Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Widerstand und Verfolgung in Salzburg 1934 - 1945, Eine Dokumentation, zwei Bände
  • Persönliche Aufzeichnungen und Dokumente Karl Reinthalers
  • Bildquellen: Verlassenschaft Karl Reinthaler, Mag. Alexander Neunherz

Einzelnachweise

  1. Bis 2006 war "Magister" (männlich) bzw. (seit 1993) "Magistra" (weiblich) der übliche akademische Grad für die meisten Studien auf Master-Niveau. "Mag." ist die gesetzliche (§55 Universitätsgesetz 2002) Abkürzung sowohl für "Magister" als auch für "Magistra", wohingegen aber auch (aus gleichstellungspolitischen Motiven) die Abkürzung "Mag.a" für "Magistra" propagiert und verwendet wird.
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