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Theodor Herz

Dr. Theodor Herz mit Ehefrau Rosa (links hinten), Tochter Martha (links vorne), sowie (wahrscheinlich) deren Jugendfreundin Leopoldine Egger (rechts hinten).

Dr. Theodor Herz (* 16. April 1891 in Wien; † 1973 in Posadas, Misiones, Argentinien) war Arzt für Allgemeinmedizin und bis Juni 1938 Sprengelarzt in Piesendorf.

Leben bis 1938

Theodor Herz, getaufter Katholik, Sohn des bekannten Astronomen Norbert Herz, absolvierte sein Medizinstudium an der Universität Wien und wurde dort am 21. Juni 1915 promoviert. Dr. Theodor Herz kam nach Absolvierung seines Turnusses vier Jahre später nach Piesendorf und war von 1919 bis Juni 1938 Arzt für Allgemeinmedizin und (wahrscheinlich ab 1922) auch Sprengelarzt in Piesendorf. Parallel dazu übte er auch die Funktion eines Bahn-Vertrauensarztes aus. Herz war ein angesehener und gesuchter Mediziner.

Der verstorbene ehemalige Bezirkshauptmann und Chronist Dr. Max Effenberger schrieb dazu 1990 im von ihm verfassten Heimatbuch Piesendorf:

Ältere Menschen in Piesendorf reden noch heute von einem Arzt und rühmen sein Können, vor allem aber seine Menschlichkeit in besonderer Weise: Dr. Theodor Herz. Er wurde am 16. April 1892 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren. Vom 1. April 1919 bis Juni 1938 war er praktischer Arzt in Piesendorf, sicherlich sein erster Posten nach seiner Ausbildung als Turnusarzt, denn er war ja erst 27 Jahre alt, als er hierherkam. Dr. Herz war weitum bekannt und gesucht, vor allem bei Fußkrankheiten. Noch mehr gerühmt wurde aber seine menschliche Güte, behandelte er doch viele Menschen ohne jedes Honorar, denn in dieser Zeit hatten ja die Hilfesuchenden kaum Geld in Reserve. Und weiter: Diese menschliche Güte veranlasste sogar den damaligen Kreisleiter der NS-Zeit, Dr. Sepp Kastner in Zell am See, solange es ging, seine schützende Hand über den ‚nichtarischen‘ Arzt zu halten

Wie der Zeitungsdokumentation des Historikers Siegfried Göllner über das Jahr 1938 zu entnehmen ist, wurde den jüdischen Ärzten mit Kassenvertrag bereits am 1. Juni 1938 der Kassenvertrag gekündigt. Von dieser vom Regime beabsichtigten Vernichtung der beruflichen Existenz jüdischer Ärzte war auch der Landarzt Dr. Herz in Piesendorf betroffen. Der angebliche "Schutz" des NSDAP-Kreisleiters währte daher - vom sogenannten Anschluss an gerechnet - keine drei Monate.

Der Zeithistoriker Albert Lichtblau erwähnt in seinem Buch unter den von Vermögensentzug gegenüber Juden betroffenen Salzburger Orten auch die Gemeinde Piesendorf, wo zwei Personen betroffen waren (S. 23). Im Kapitel „Ausblick“ führt er in der Einzelnachweis 598 auf S. 201 unter den aus Salzburg stammenden jüdischen Antragsstellern auf Vermögensrückstellung auch Theodor Herz, Argentinien, an. Daraus erschließt sich, dass eine der beiden von einer "Arisierung" in Piesendorf betroffenen Personen Theodor Herz war und dieser nach Argentinien emigriert ist. 1970 lebte er – damals 78 Jahre alt – angeblich in Colinia Martires, Misiones Argentinia.

Leben in Argentinien

Waltraud Fox-Wallner, einer in Wien lebenden gebürtigen Niedernsillerin, gelang es im Jahr 2018 - u.a. auch auf Basis der Rechercheergebnisse des Historikers Gert Kerschbaumer -, sowie über Vermittlung des Schriftstellers O. P. Zier an den Autor Erich Hackl, der seine Kontakte in Argentinien nutzen und in glückhafter Weise die Nachkommen von Dr. Theodor Herz ausfindig machen konnte, mit diesen in Kontakt zu treten und ihnen stellvertretend für ihren Großvater im Auftrag ihrer Niedernsiller Familie - spät, aber doch noch - für herausragende ärztliche Leistungen und damit einhergehende menschliche Zuwendung und Güte von Dr. Theodor Herz zu danken. Aus dem seither bestehenden Schriftverkehr mit der Urenkelin des Dr. Theodor Herz, der Schauspielerin Luli Torn und dem Enkel Dr. Andres Torn, wie sein Großvater auch er Mediziner, geht über das weitere Leben von Theodor Herz folgendes hervor und darf und soll hier auch berichtet werden:

Theodor Herz emigrierte, nach dem man ihm seinen Kassenvertrag entzogen und so seine berufliche Existenz zerschlagen hatte, 1938 mit seiner Frau Rosa und seiner Tochter Martha zwangsweise nach Argentinien. Er wollte nach Patagonien, um dort als Arzt zu praktizieren, da ihm die Landschaft Patagoniens dem österreichischen Bergland, das er sehr geliebt hat, am ähnlichsten schien. In Argentinien wurde jedoch sein österreichisches Medizinstudium nicht anerkannt. Um an jedem beliebigen selbstgewählten Ort Argentiniens als Arzt ordinieren zu können, hätte er daher das gesamte Studium wiederholen müssen, was einige andere nach Argentinien immigrierte, noch jüngere Ärzte auch gemacht haben. Dr. Herz, der 1938 aber schon 47 Jahre alt war und bereits an die zwanzig Jahre erfolgreich praktiziert hatte, entschied sich gegen die Wiederholung des Medizinstudiums. Glücklicher Weise gelang ihm in der Folge mit der Regierung der Region Misiones die Vereinbarung, im Ort Bonpland, damals noch mitten im Pionierland gelegen, eine Arztpraxis zu unterhalten, solange dort im Umkreis von 25 Kilometern noch kein argentinischer Arzt ordiniert.

In den Vierzigerjahren übersiedelte seine Tochter Martha nach Buenos Aires, wo sie 1948 einen Österreicher heiratete. Nach der Geburt ihres ersten Sohnes veranlassten sie Dr. Herz ebenfalls nach Buenos Aires zu übersiedeln. In der Großstadt war er jedoch unglücklich und nach einigen Jahren entschied sich Dr. Herz wieder zurück auf das Land zu ziehen.

Zwischenzeitlich hatte Bonpland jedoch einen argentinischen Arzt, sodass Dr. Herz dort nicht mehr praktizieren durfte. In Colonia Mártires, einem kleinen Bauerndorf mitten im Dschungel, wo es zur damaligen Zeit weder Fließwasser noch elektrischen Strom gab, fand er einen jener Orte, in dem seine ärztliche Tätigkeit behördlich erlaubt und von der Bevölkerung dankbar aufgenommen wurde. Dr. Herz praktizierte hier als Arzt bis zum Alter von 80 Jahren. Viele Patienten nahmen lange Wege auf sich, um den „doctor gringo“ zu konsultieren. Seine Enkelsöhne verbrachten die Sommerferien bei ihm und Dr. Herz zeigte ihnen die Umgebung und deren Pflanzen und Tiere. Dr. Andres Torn meint heute, dass sein Großvater Theodor zumindest mitbestimmend für seine eigene Berufswahl war. 1971 erkrankte Dr. Herz an Krebs und übersiedelte nach Posadas, die Hauptstadt der Region Misiones. Er starb 1973 nach einem langen und erfüllten Leben in Posadas. Seine Tochter Martha verstarb am 2. Oktober 2008 in Buenos Aires.

Einer der Enkel von Dr. Herz, Dr. Andres Torn, reiste 1987 nach Österreich. Auf den Spuren seines Großvaters besuchte er damals auch Piesendorf. Da er aber niemand kannte, machte er nur einige Fotos und verließ den Ort wieder, ohne Kontakt zu hier Lebenden. Nun besteht aber Hoffnung, dass Nachkommen von Dr. Herz noch einmal nach Österreich kommen und dieses Mal in Piesendorf herzlich willkommen geheißen werden.

Quellen

  • Josef Lahnsteiner, Oberpinzgau, 2. Auflage, Eigenverlag, Hollersbach im Pinzgau 1965, S. 658
  • Zeitungsdokumentation 1938
  • Lichtblau, Albert, „Arisierungen“, beschlagnahmte Vermögen, Rückstellungen und Entschädigungen in Salzburg, Band 17/2 der Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Vermögensentzug während der NS-Zeit sowie Rückstellungen und Entschädigungen seit 1945 in Österreich, Oldenbourg Verlag Wien München 2004.
  • Effenberger, Max, Heimatbuch Piesendorf, HG Gemeinde Piesendorf, Piesendorf 1990, S. 224
  • Mailnachricht vom 22. April 2015 von Mag.a Barbara Sauer, Institut für Rechts- und Verfassungsgeschichte, Rechtswissenschaftliche Fakultät der Universität Wien (Studium, Promotion, Geburtsdatum)
  • Informationen von Waltraud Fox-Wallner über den Inhalt des Schriftverkehrs mit dem Autor Erich Hackl und den oben genannten Nachkommen von Dr. Herz