Wenn einer Schere Flügel wachsen

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Blog Hermann Fröschl

Zwei Männer, drei Wörter, zwei Kulturkreise und ab geht die Post: "Ohren frei", fragt der eine. "Ja", lautet die Antwort.

Wir sind in Hallein. An der Ecke zur Stadtbrücke hat ein Friseur aufgemacht, der sich auf türkische Haarkunst für Männer versteht. Das hat sich auch bei den Einheimischen rumgesprochen. Keine Reservierungslisten, einfach hingehen, und eine kleine Preistafel. 15 Euro Haareschneiden, steht da drauf.

"Ohren frei!" Schnell, zackig, virtuos geht's los. Als wären der Schere Flügel gewachsen. Als wäre eine Armada an Scheren über mir. Geredet wird nur nebenan. Auf Türkisch. Ich verstehe nichts, aber klar ist: Es geht nicht um Erdoğan, nicht um Kopftücher. Nette Plauderei. Und die einzige Gefahr, die hier lauert, ist die kleine Flamme, mit der der Friseur die Ohrenhaare bekämpft.

Zehn Minuten später sind nicht nur die Ohren frei. Nein, es gibt kein Foto. Aber so viel sei verraten: Ich hatte immer Locken. Und die wachsen ja wieder. Bis zum nächsten Kulturaustausch beim türkischen Friseur.

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